Stellungnahme des Deutschen Kinderschutzbundes Landesverband NRW e.V. zur Anhörung „Bekämpfung von Gewalt als gesamtgesellschaftliche Herausforderung“ am 25.6.2002 im Hauptausschuss

 

Einleitung:

 

Gewalt bei Kindern und Jugendlichen zu bagatellisieren, wäre falsch. Wir müssen aber genau hinsehen, um Zugänge und Methoden zu finden, wie man Kinder und Jugendliche von Gewaltanwendung abhalten bzw. aus Gewalterfahrungen oder Gewaltmilieus wieder herausholen kann.

Genau so falsch wäre es aber, Gewalt bei Kindern und Jugendlichen zu dramatisieren. Vor zwei Wochen erst hat die Zeitschrift „stern“ eine Untersuchung von Jürgen Zinnecker u.a. vorgestellt, die ihn veranlasst hat, von einer „Null-Zoff-Generation“ zu sprechen, vergleichbar dem USA-Phänomen der sog. „Millennials“, womit ein Generationstrend gemeint ist, in dem die Jugend „viel beschäftigt, technologisch versiert, zielstrebig, teamorientiert, gut ausgebildet und wohlerzogen“ erlebt wird. Diese Null-Zoff-Generation verabscheue Gewalt. Sie habe vielmehr ein großes „Kuschelbedürfnis“.

 

Frage 1: Wo liegen die maßgeblichen Ursachen für Aggressivität, Gewalt und Gewaltbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen und ist aus Ihrer Sicht eine Zunahme festzustellen ?

 

Antwort 

Ursachen für Aggressivität, Gewalt und Gewaltbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen setzen sich aus vielen unterschiedlichen Faktoren zusammen. Gewalt und Gewaltbereitschaft sind nicht in Form einfacher Ursache-Wirkungsketten zu begreifen.

§       Ursachen ergeben sich aus vielfältigen strukturellen bzw. gesellschaftlichen Faktoren. Ausmaß und Formen von Gewalt sind immer auch Ausdruck der Gesellschaft, in der wir leben. Eine wettbewerbsgesteuerte Wirtschaftsgesellschaft basiert auf dem Gewinner-Verlierer-Prinzip. Sie ist dadurch implizit gewaltfördernd. Sieger wollen niederringen, bedrohte Verlierer sich wehren. Der normative Überbau einer rechtsstaatlich geschützten Humankultur wird dadurch sehr stark belastet, manchmal überstrapaziert.

 

Kinder und Jugendliche wachsen heute in gewaltförmigen Lebensverhältnissen auf, die sich u.a. im Straßenverkehr, im Wohnungsbau, der Verplanung der Kindheit, der Ausbreitung der neuen Medien und der Zunahme von Gewaltdarstellungen, dem zunehmenden Leistungszwang, der Unsicherheit der Arbeits- und Ausbildungsverhältnisse und der Beschränkung von Zukunftschancen durch die Zerstörung der Umwelt zeigen. Kinder in einer die Reizschwelle ständig erhöhenden aggressiven Medien- und Konsumgesellschaft stehen in einem bisher nicht gekannten Ausmaß unter externen, Familien unabhängigen Einflüssen. Das macht sie reizbarer und fordernder. Mit Zunahme des Einflusses der externen Miterzieher schrumpft der Einfluss der Eltern, die ihrerseits unter Beziehungs- und Berufsstress stehen und dadurch weniger belastbar sind.

§         Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hat durch eine repräsentative Befragung von Schüler/innen ermittelt, dass Erfahrungen von sog. Erziehungsgewalt und Misshandlungen in der Familie das Risiko eigener Gewaltbereitschaft beträchtlich erhöhen. Je länger und intensiver dabei die Gewalterfahrungen als „Opfer“ sind, steigt in gleichem Maße das Risiko eigener Gewaltbereitschaft. Erwähnenswert sind auch die Erkenntnisse im Kontext häuslicher Gewalt. Auch Kinder und Jugendliche, die als Zeugen Gewalt zwischen den Eltern beobachten, ohne selber direkt Opfer zu werden, wachsen in einem gewalttätigen Klima auf, das ihre Beziehungsmuster und Konfliktlösungsmöglichkeiten prägt. Mit anderen Worten: Kinder und Jugendliche sind oft Opfer und Täter zugleich. Dieser Wechselseitigkeit muss bei allen Maßnahmen Rechnung getragen werden.

§         Hinsichtlich der Gewalt von Kindern und Jugendlichen ist eine geschlechtsspezifische Differenzierung notwendig. Jungen tendieren dazu, eigene Gewalt nach außen zu richten, also gegen andere Personen und Sachen. Mädchen richten die Gewalt eher gegen sich selbst. Gerade bezüglich der letzteren Gruppe besteht die Gefahr, dass in den tagespolitischen Debatten sozusagen die nach außen sichtbare Gewalt problematisiert wird. Wie ungleichgewichtig diese verschiedenen Formen von Gewalt wahrgenommen und thematisiert werden, zeigt sich in der Problematisierung einer zu beobachtenden Zunahme der Gewaltbereitschaft bei Mädchen.

§         Die zunehmenden Ausleseprozesse, die die Schule heute kennzeichnen, führen bei etlichen Kindern und Jugendlichen zu der Erkenntnis, kaum Chancen zu haben und damit nicht dazuzugehören. Diese erlebte soziale Ausgrenzung führt u.a. zu Gefühlen wie Wut, die sich auch in Form von Gewalt ein Ventil suchen kann.

§         In Kontext von Gewalt ist die zunehmende Armut von Kindern ein unbedingt zu beachtender Aspekt. Denn Armut führt in dieser Gesellschaft zu sozialen Ausgrenzungsprozessen und schränkt Handlungsmöglichkeiten und –optionen ein. Sie führt darüber hinaus zu dem Gefühl, kaum Einfluss auf die eigene Lebenssituation oder die eigene Entwicklung zu haben.

§         Zu berücksichtigen ist, dass Gewalt ein jugendtypisches Phänomen ist, dass es zu allen Zeiten gegeben hat. Ob von einer Zunahme gesprochen werden kann, muss in Zweifel gezogen werden. Gestiegen ist sicherlich die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für die Gewalt von Kindern und Jugendlichen, die zuweilen Gefahr läuft, zu stigmatisieren, zu skandalisieren und mehr als vielleicht nötig, die Polizei zu bemühen oder aber nicht bzw. nicht angemessen zu reagieren.

§         Die mediale Aufbereitung und Verbreitung einzelner spektakulärer Ereignisse fördert bei Menschen mit unterdrückten Insuffizienzgefühlen den Impuls durch Nachahmung zu ähnlicher öffentlicher Beachtung zu kommen. Hier haben die Medien eine hohe Verantwortung, was das Ausmaß und die Form der Berichterstattung betrifft.

§         Verändert haben sich – so muss man aus Untersuchungen schlussfolgern – die Formen der Gewalt von Kindern und Jugendlichen. Es scheinen Regeln und Fairness verloren zu gehen, die der Gewalt untereinander bestimmte Grenzen setzen. Wo persönliches Miteinander, also die Erfahrung in Beziehung und im Umgang mit konkreten anderen Menschen fehlt, geht Empathie, d.h. Einfühlungsvermögen, über die Wirkung des eigenen Tuns auf andere verloren. Verändert haben sich für Kinder und Jugendliche jedoch auch die Räume und Möglichkeiten, alterstypische Gewalt auszuleben.

 

Alle genannten Aspekte bedingen sich gegen- und wechselseitig.

 

Frage 2: Wie lauten die wichtigsten Forderungen und Instrumente, um Gewalt und Gewaltbereitschaft zu verhindern ?

 

Antwort:

 

Frage 3: Vermitteln Familien, Schule, Medien, Vereine, Kirchen usw. zu wenig Werte und gewaltfreie Konfliktlösungsmöglichkeiten ? Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die Identitäts- und Kulturentwicklung der Kinder- und Jugendlichen aus ? Kann dadurch eine Mentalität entstehen, die zur Gewaltbereitschaft neigt ?

 

Antwort:

 

Frage 4: Welche Bedeutung haben die Institution Familie und familienähnliche Strukturen im gesellschaftlichen Kontext bei der Vermeidung von Gewalt, und wie kann die notwendige individuelle Erziehungskompetenz im Hinblick auf gewaltfreie Erziehung/Erziehung zur Gewaltlosigkeit gestärkt werden ?

 

Antwort:

Wie bereits ausgeführt, führen Gewalterfahrungen in der Erziehung zu einem erhöhten Risiko eigener Gewalttätigkeit. Insofern kommt der Institution Familie eine hohe Bedeutung im Kontext der Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen zu. Familie und familienähnliche Strukturen sind nach wie vor der zentrale Ort der Sozialisation von Kindern. Aber Familie ist heute eine keineswegs mehr eindeutige sondern eine in vielfältigsten Formen auftretende, höchst unspezifische Institution geworden. Gleichzeitig steht Familie heute jedoch auch vor erheblichen Herausforderungen in der Erziehung der Kinder und in der Bewältigung des Alltags. Insofern kann die Familie nicht allein verantwortlich gemacht werden (und in letzter Konsequenz sind es dann natürlich die Mütter, die immer noch die Haupterziehungsarbeit leisten). Familie kann nicht etwas bieten, worüber es gesamtgesellschaftlich kaum mehr einen Konsens gibt. Familien brauchen gesellschaftliche Unterstützung bei der Erziehung ihrer Kinder und bei der Entwicklung entsprechender Kompetenzen. Und zwar nicht mit dem erhobenen Zeigefinger.

 

Bei Eltern in NRW sehr gut angenommen und mittlerweile wissenschaftlich evaluiert, sind die Elternkurse „Starke Eltern – Starke Kinder“ nach einem Konzept des Deutschen Kinderschutzbundes, die Wege zur gewaltfreien Erziehung aufzeigen. Es handelt sich hierbei um das Modell der anleitenden Erziehung. Wichtig ist eine respektvolle Haltung den Eltern gegenüber, die es ermöglicht, Eltern mit ihren Sorgen und Unsicherheiten vertrauensvoll zu begegnen. Die Elternkurse „Starke Eltern – Starke Kinder“ zielen ab auf die Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern und der Steigerung ihres Selbstbewusstseins und Selbstvertrauens als Erziehende. D.h. die speziell für diese Kurse geschulten Elternkursleitungen sorgen dafür, dass alltägliche problematische Situationen mit den Kindern in der Elterngruppe diskutiert werden und zu verschiedenen möglichen Lösungen führen. Nicht die Kursleitung gibt die Tipps und Ratschläge, sondern die Eltern werden als Experten und Expertinnen begriffen. Es stellt sich bei diesen Kursen immer wieder heraus, dass Müttern und Vätern Orte fehlen, an denen sie sich mit anderen Müttern und Vätern über Erziehungsfragen austauschen und sich gegenseitig bereichern und unterstützen können. Es fehlen in der Leistungsgesellschaft Orte für Eltern, wo man ehrlich sein und seine Schwächen und Unsicherheiten zugeben kann. Die wissenschaftliche Evaluation der Elternkurse durch die Fachhochschule in Köln unter Leitung von Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler kam zu dem Ergebnis, dass die Elternkurse „Starke Eltern – Starke Kinder“ sehr wirksam sind und die Eltern durch den Kurs ihre entwicklungshemmenden Verhaltensweisen abbauen. Die Nachfrage nach den Kursen durch die Eltern zeigt, wie groß die Unsicherheiten in Erziehungsfragen und hinsichtlich der eigenen erzieherischen Kompetenzen sind. Auch sollten wir uns Erfahrungen aus anderen Ländern zu Nutzen machen. In Schweden, in einem Land, in dem das Recht auf gewaltfreie Erziehung seit mehr als 20 Jahren Bestand hat, wurde in das schulische Curriculum ein Fach aufgenommen, dass auf Eltern- und Partnerschaft vorbereiten soll.

Angebote an Eltern zur Unterstützung in der Erziehung ihrer Kinder müssen allerdings eingebettet sein in umfassende sozialpolitische Maßnahmen, die Kinder nicht zur Privatsache werden lassen. Solange Kinder das Armutsrisiko Nr. 1 für Familien sind, kann nicht erwartet werden, dass Eltern zum Ausfallbürgen fehlender sozialstaatlicher Leistungen werden.

 

Frage 5: Gibt es im Hinblick auf Gewaltbereitschaft geschlechtsspezifische, soziale, kulturelle Unterschiede, die berücksichtigt werden müssen, wenn man Gewalt und Gewaltbereitschaft bekämpfen will ?

 

Antwort:

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass sich Gewaltformen und Gewaltbereitschaft geschlechtsspezifisch differenzieren. Sicherlich gibt es auch kulturelle Unterschiede hinsichtlich der Anwendung oder Bewertung von Gewalt. Untersuchungen haben darüber hinaus bestätigt, dass problematische sozioökonomische Lebenssituationen wie z.B. Arbeitslosigkeit gewaltbegünstigend wirken und zwar im Kontext weiterer Faktoren. Differenzierungen sind jedoch auch hinsichtlich der Gewaltformen notwendig. Ein niedriger Bildungsstand führt ggf. eher zu Formen körperlicher Gewalt, ein hoher Bildungsstand ggf. eher zu Formen psychischer Gewalt, so kann man aus diversen Untersuchungen schlussfolgern. Das Problem ist, dass letztere weniger von außen sichtbare Spuren hinterlässt und aufgrund ihres subtilen Charakters oft nur schwer zu erkennen ist. Im Interesse der Opfer sollte daher von einer Verengung der Problematik auf körperliche Gewalt Abstand genommen werden.

 

Frage 6: Gibt es migrationsbedingte Ursachen, wie können diese bewältigt werden und sind bestehende Angebote angemessen ?

 

Antwort: 

Brüche in der eigenen Biographie, Ausgrenzungserfahrungen, subjektive und objektive Benachteiligungen und Kommunikationsbarrieren sind prinzipiell aggressionsfördernd. Wer die Normen einer deutschen Leit-Kultur bzw. Mehrheitskultur einfordert, schafft Abwehr und Unsicherheit bei denen, die in den Werten einer anderen Kultur aufgewachsen und teilweise verwurzelt sind. Wer bei der Verteilung von Lebenschancen hinten an bleibt (Kindergartenplätze, Schulformen, Ausbildungsplätze) versucht u.U. auf nicht erwünschte bzw. nicht legale Weise mithalten zu können. Und wer sich nicht ausreichend kommunikativ verständlich machen und diskursiv auseinander setzen kann, der nimmt schon mal die Faust als Argument.

Das Ziel der Integration ist eine probate Formel. Sie ist aber viel zu unspezifisch, um zu erklären, was damit konkret gemeint ist. Nicht vermittelt wird, an welchen Stellen aus welchen Gründen Illusionen längst geplatzt sind. Menschen unterschiedlicher Prägung müssen in Frieden und gegenseitiger Achtung miteinander leben und arbeiten können. D.h., sie müssen in den Stand versetzt werden, einander zu verstehen und die Kompetenzen erwerben zu können, die eine erfolgreiche Lebensbewältigung in unserer Rechts- und Gesellschaftsordnung ermöglichen. Das heißt konkret:

Vorsorge, Ausbildungs- und Arbeitsplätze)

 

Dabei ist mit den Einrichtungen der Eigenkultur (z.B. Moscheevereine) intensiv zusammenzuarbeiten. Auch hier gilt: Partizipation reduziert Aggression.

 

Frage 7: Wirkt die Nichtbeachtung von Recht und Gesetz und im Einzelfall der politische Wille, gegen Rechtsverstöße nicht vorzugehen, motivierend für eine Gewaltbereitschaft ? Gibt es eine Erosion des Rechtsbewusstseins und worauf ist diese zurückzuführen ?

 

Antwort:

Es gibt keine Anzeichen dafür, dass das Rechtsbewusstsein der Bevölkerung insgesamt erodiert. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass zu einer offenen Gesellschaft sowohl die Regel als auch der Verstoß gegen sie gehört. Die Bewertung des Verstoßes und die Einschätzung, welche Gesetze zu beachten und welche Übertretungen eher als allgemeinüblich zu betrachten sind („Kavaliersdelikt“), differiert mit der gesellschaftlichen Diskussion und den jeweils zeitabhängigen Schwerpunktsetzungen. So wird schon immer der Versicherungsbetrug als etwas „normales“, alltägliches hingenommen, der kleine Verkehrsverstoß im allgemeinen als Pech toleriert, während Drogendelikte unabhängig von dem Sinn der Strafverfolgung mit hoher Ablehnung belegt werden.

Aus dieser differenziert zu betrachtenden Problemlage lässt sich der Schluss ziehen, dass ein Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft einzelner und dem  Rechtsbewusstsein  der Bevölkerung nicht herzustellen ist.

Es gibt auch keine Erkenntnisse darüber, dass gewaltbereite, jugendliche  Täter durch staatliche Verfolgungsdefizite besonders zum Handeln motiviert werden. Der 11. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung betont vielmehr, dass „monokausale Erklärungszusammenhänge nicht in der Lage sind, den Phänomenen von Jugend und Gewalt, bzw. Jugend und Delinquenz in ihrer Vielschichtigkeit gerecht zu werden“ (11. Kinder- und Jugendbericht, S 236). Gleichwohl ist es natürlich sinnvoll für das Rechtsbewusstsein straffälliger Jugendlicher, Sanktionen auf Rechtsverstöße deliktnah zu vollziehen.

 

 

Frage 8: Wie bewerten Sie aktuell diskutierte Maßnahmen zur Gewaltbekämpfung wie z.B. die Heraufsetzung der Volljährigkeit auf 21 Jahre/ die Heraufsetzung der Altersgrenze bei bestimmten Erlaubnissen (z.B. Waffenschein) auf 21 Jahre/die Selbstbeschränkung bzw. regulierende Maßnahmen für TV-Werbung in Gewaltfilmen ?

 

Antwort:

Mal abgesehen davon, dass das Zusammenfallen von Deregulierung, Abbau obrigkeitlicher Eingriffszonen, damit Erweiterung von selbst zu verantwortenden Freiheitsrisiken, und die Absenkung der Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahren zu Überforderungsreaktionen führen kann, so wäre heute der Ausschluss dreier Jahrgänge aus einmal bereitgestellten Freiheitsspielräumen mit Sicherheit kontraproduktiv und aggressionsfördernd. Unser ökonomisches System will auch die Wirtschaftspotentiale ganz junger Menschen abschöpfen. Es darf bezweifelt werden, ob sich die Ausweitung einer ökonomisch so relevanten Schutzzone für Minderjährige überhaupt würde durchsetzen lassen. Der Druck auf junge Menschen, vollwertige Wirtschaftsbürger sein zu sollen, aber durch gesetzliche Bestimmungen daran gehindert zu werden, kann nur dazu führen, dass Aggressionspotentiale vermehrt werden.

Der Zugang zu Tötungsgeräten sollte für alle Bürger erschwert werden. Wenn schon die Existenz einer Armee und von Vereinen, die den Umgang mit Waffen als Sport oder Traditionspflege begreifen, nicht aus der Welt geschafft werden kann, dann muss damit doch nicht der freie private Zugang zu Waffen und Munition verbunden sein. Im übrigen wird ein weitreichendes Waffenverbot nicht verhindern können, dass sich psychisch kranke oder labile Menschen gleich welchen Alters in Ausnahmesituationen die Tötungsinstrumente verschaffen, von denen sie sich den gewünschten Erfolg versprechen.

Natürlich senkt permanente und sich steigernde Gewaltdarstellung die Aggressionsschwelle bei all denen, die auf Grund gravierender Sozialisationsmängel Beziehungsdefizite erfahren haben, die ihre Empathie, ihr Einfühlungsvermögen für andere haben verkümmern lassen. Ihnen den Zugang zu Modellen gewalttätigen Handelns zu erschweren, ist sinnvoll, um die Vorbildwirkung bzw. die Nachahmungsanreize zu minimieren. Wichtiger ist es aber, an den Ursachen zu arbeiten. Denn, wer Wirkungen unterdrückt, öffnet das Ventil an einer anderen Stelle. Die große Zahl sich mit Drogen und Alkohol selbst gefährdender bzw. zerstörender junger Menschen  beweist das.

 

Frage 11: Welchen Beitrag können Eltern, Lehrer, Jugendliche leisten, um Gewaltbereitschaft nicht erst aufkommen zu lassen bzw. diese zu reduzieren ? Welche Veränderungen an Inhalten, pädagogischen Methoden und Systemstrukturen können für die Schule insgesamt geboten sein, um Gewaltbereitschaft zu reduzieren ?

 

 

 

Antwort:

Um präventiv tätig zu werden, sollte sich zunächst jede Schule mit der Problematik der Gewaltbereitschaft auseinandersetzen und nicht fürchten müssen, dass bei einem offensiven Umgang damit, die Schüler und Schülerinnen wegbleiben bzw. Eltern diese Schule meiden. Im Gegenteil: Die schulische Auseinandersetzung mit der Gewaltthematik sollte als Qualitätskriterium für Schulen gewertet werden. Diese Auseinandersetzung muss beinhalten, dass die Schule als Institution ihre jeweiligen Strukturen hinterfragt und reflektiert. In diesen Prozess sind die Lehrer/innen, die Schüler/innen und die Eltern einzubeziehen. Welche vorbeugenden Maßnahmen zu ergreifen sind, sollte gemeinsam mit den Schüler/innen erarbeitet werden. Schulkonzepte, die mittlerweile von den Schulen entwickelt wurden und praktiziert werden, bieten hier ein gutes Instrumentarium. Auch eignen sich Projekttage zur Beschäftigung mit diesen Aufgaben. Wesentlich ist dabei auch die Öffnung der Schule in den Stadtteil und die Einbeziehung anderer Institutionen, insbesondere aus dem Bereich der Jugendhilfe.

Schulordnungen, die gemeinsam mit den Schüler/innen entwickelt werden, erhöhen die Akzeptanz von Regelwerken bei den Schüler/innen. Es führt in diesem Rahmen zu weit, mögliche einzelne Maßnahmen auszuführen. Zurück zu greifen ist auf Schulen, die hier vorbildliche schulumfassende Konzepte entwickelt haben. Als ein Beispiel sei auf das Weser Gymnasium in Vlotho hingewiesen, dass 1998/1999 den Präventionspreis der Polizei „Jugend gegen Kriminalität“ erhielt. Zu warnen ist mit Blick auf die Schule vor Einzelmaßnahmen, die den Schulapparat als solchen ausblenden. Schule muss ein Ort sein, zu dem man gerne geht und der nicht nur Leistungen abfordert, sondern vielseitiges soziales Lernen und Beteiligung ermöglicht. Das bedeutet auch, bei Anzeichen von Gewalt und Gewaltbereitschaft hinzuschauen und zu reagieren und nicht weg zu sehen. Auch sollte die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben und Kinder und Jugendliche nicht frühzeitig zu Gewalttätern stigmatisiert werden.

 

Frage 13: Ist angesichts der Gewalt an Schulen der Einsatz von Polizeikräften zur Kontrolle von Schülerinnen und Schülern ratsam ? Bedarf es der Differenzierung zwischen vor/nachunterrichtlichem Bereich und der Präsenz in der Schule ?

 

Antwort:

Von dem Einsatz von Polizeikräften an Schulen zur Kontrolle von Schülerinnen und Schülern ist sowohl während der Unterrichtszeit als auch danach dringend abzuraten.

 

Die Schule ist ein wesentlicher Ausdruck eines freiheitlichen, offenen Gesellschaftsverständnisses. Schüler unter Polizeikontrolle müssen das Vertrauen in diese Offenheit und die Selbstregulierungsfähigkeit der Gesellschaft verlieren. Wenn dieses Verständnis einer Philosophie der totalen Sicherheit, die im übrigen unter keinen Umständen zu erreichen ist, weichen sollte, hätte sich die Gesellschaft der Mentalität der Gewalttäter gebeugt und eines ihrer wertvollsten Güter preisgegeben.

Es ist notwendig, deutlich zu machen, dass die Vorstellung eines absoluten Schutzes gegen Gewalt eine Illusion ist, der weitaus wichtigere Werte geopfert würden.

 

Der Einsatz von Polizeikräften an Schulen würde zudem gegen das verfassungsrechtliche Prinzip der Verhältnismäßigkeit verstoßen. Die Gewalt an Schulen hat objektiv nicht zugenommen, ein derart massiver Eingriff würde also nicht gerechtfertigt und damit unangemessen sein.

 

Frage 15: Es wird die Auffassung vertreten, dass gerade die Eltern von problematischen Jugendlichen bislang kaum mehr erreicht werden können. Durch welche Methoden kann dieser Personenkreis angesprochen und zur Mitwirkung an Bildung und Erziehung angehalten werden oder sollten ggf.  Jugendhilfemaßnahmen ergriffen werden ?

 

Antwort: 

Hurrelmann hat ermittelt, dass bis zur 12 Klasse Jugendliche 15.000 Schulstunden erlebt, aber 18.000 Stunden vor dem Fernseher verbracht haben. Das hat ganz wesentlich auch etwas mit unserem Schulsystem zu tun. Wenn die Halbtagsschule der Regelfall ist, bleibt einfach zu viel leere Zeit, die je nach Neigung und Prägung von den Kindern und Jugendlich nach eigenem Gutdünken gefüllt wird. Von Eltern zu verlangen, sie müssten sich in der von der Schule nicht ausgefüllten Zeit intensiv um ihre Kinder kümmern, geht an einer Realität vorbei, in der die Berufstätigkeit von Vater und Mutter immer mehr zum Normalfall wird, ja, selbst die Kommunen selbst erhebliche Anstrengungen unternehmen, um Eltern, die von Sozialhilfe leben, wieder in Arbeit zu bringen.

Natürlich tut die Kinder- und Jugendhilfe, was sie kann, z.B. durch Erziehungsberatung, Medienarbeit der Verbände, Medienprojekte in ihren Einrichtungen, Schulsozialarbeit etc.. Eine grundsätzliche Wende kann allerdings nur durch ein völlig verändertes Schulsystem eintreten, in dem die Ganztagsschule als ein anregender und vielfältiger Lebensraum für Kinder und Jugendliche der Regelfall wird. Hier hätten dann auch die Medien ihren Platz, allerdings in einer Form, in der Kinder und Jugendliche kreativ gestaltend mit ihnen umgehen könnten.

 

Frage 16: Besteht ein Zusammenhang zwischen der Betreuung von Kindern und Jugendlichen (professionelle pädagogisch begleitete Angebote, nicht-professionelle Betreuung, Nicht-Betreuung, Vernachlässigung) und der Gewaltbereitschaft von Jugendlichen ?

 

Antwort:

Auf der Grundlage des Gewaltverständnisses des Deutschen Kinderschutzbundes muss diese Frage differenziert beantwortet werden. Wie bereits dargestellt, setzen sich die Ursachen von Gewalt und Gewaltbereitschaft multifaktoriell zusammen und finden ein jeweils individuelles Gepräge. Kinder und Jugendliche, die vernachlässigt sind, haben natürlich eingeschränkte Entwicklungschancen und Handlungsoptionen. Diese Beschränkung kann das Risiko der Gewalt erhöhen. Gleichzeitig haben vernachlässigte Kinder und Jugendliche ein hohes Bedürfnis nach Anerkennung und Zuwendung. So laufen sie Gefahr, in besonderer Weise von Gruppen angezogen zu werden, die ihnen das Gefühl von Zugehörigkeit geben und ihr Zusammengehörigkeitsgefühl über Gewalt und Gewaltbereitschaft definieren. Untersuchungen über die Zuwendung zu rechtsextremen Gruppen sind hier sehr aufschlussreich.

Die Resilienzforschung zeigt, dass feste Bezugspersonen, denen man vertraut, eine einigermaßen gute Schulausbildung sowie gewisse materielle Ressourcen Schutzfaktoren, ebenfalls mit jeweils individuellem Gepräge, darstellen. Insofern können professionelle pädaogische Angebote genau diese Schutzfaktoren sein, aber möglicherweise nicht für jedes Mädchen und jeden Jungen in gleicher Weise.

 

 

Frage 17: Wie wirken sich Gewaltdarstellungen in den Medien auf Kinder und Jugendliche, differenziert nach Altersgruppen, aus ?

 

Frage 19: Inwiefern tragen fiktionale und non-fiktionale Gewaltdarstellungen generell zu einer Senkung der Hemmschwelle bei, z.B. weil Gewalt allgegenwärtig und somit „normal“ erscheint ? Sollte dies – und in welchem Umfang – begrenzt werden ?

 

 Antwort:

Untersuchungen, die sich mit den Wirkungen von Gewaltdarstellungen in Medien beschäftigen, kommen zu recht unterschiedlichen Ergebnissen, auch was die Altersgruppen angeht. Als Fazit lässt sich jedoch formulieren, dass es auch hier keine simplen Ursache-Wirkungs-Erklärungen gibt. Vielmehr passen die unterschiedlichen Ergebnisse dieser Untersuchungen in ein multifaktorielles Verständnis von Gewalt. Der intensive Konsum von gewaltverherrlichenden Darstellungen in den Medien muss im Kontext weiterer Faktoren betrachtet werden. U.a. soziale Isolation und Desintegration, fehlende positive Vorbilder, beschränkte individuelle Ressourcen, fehlende kritische Medienkompetenz, geringes Selbstbewusstsein (gerade bei Jungen) sind Aspekte, die beim Konsum von medialen Gewaltdarstellungen als eigene Gewalt verstärkende Risikofaktoren zu verstehen sind. Bevor über Beschränkungen medialer Gewaltdarstellungen nachgedacht wird, wäre jedoch die Frage zu stellen, was alles dazu gehört. Gewaltdarstellungen im Fernsehen sind aus kaum einem Abendprogramm wegzudenken und sind nicht auf Spielfilme beschränkt, z.B. sog. Infotainment. Gerade die uns mittlerweile fast selbstverständlich erscheinenden Gewaltdarstellungen alltäglich in den Medien brauchen eine kritische Hinterfragung und nicht nur die Video- und Netzwerkspiele, die heute viele Jugendliche in ihren Bann ziehen. Generelle Verbote sind sicherlich keine Lösung, da der Verbotscharakter die Attraktivität solcher Darstellungen steigern könnte.

 

 

Frage 18: Inwieweit sind Gewaltanwendungen und –darstellungen (z,.B. in TV-Filmen, PC-Spielen, Videos, Internet), aber auch ein möglicher „Täterkult“ motivierend für Gewalt ? Sollte der Betrieb sog. „Laserdroms“, in denen das virtuelle Töten von Menschen angeboten wird, verboten werden ?

 

Antwort: 

Die Frage ist im wesentlich im Kontext anderer Fragen bereits beantwortet. „Laserdomes“ sind allerdings eine unnötige Perversion des menschlichen Aggressionstriebes und sollten keine Zulassung in den Kommunen erhalten.

 

Frage 22: Reichen die Möglichkeiten der Medienaufsicht und der Selbststeuerung zur Bekämpfung von Gewaltdarstellungen in den Medien aus (Stichwort: neuer Staatsvertrag zum Jugendmedienschutz) ?

 

Antwort:

In Deutschland besteht ein hoch differenziertes System des Medienschutzes, das mit einer Vielzahl von Gesetzen und Behörden die unterschiedlichen Medien überwachen möchte. Durch den in Vorbereitung befindlichen Staatsvertrag soll dieses System vereinheitlicht und die Selbstkontrolle der Medien verstärkt werden. Dieser Problemansatz zeigt, dass dem Medienschutz aktuell weniger die Möglichkeiten fehlen, sondern dass die bestehenden Möglichkeiten besser geordnet und gesteuert und dadurch wirksamer und vor allem in der Bevölkerung transparenter werden müssen. In dieser Situation sollten zunächst die Erfahrungen mit dem neuen Staatsvertrag abgewartet werden.

Im übrigen ist der Jugendmedienschutz primär als Begleitung und Unterstützung der Eltern bei ihrer Erziehungsaufgabe gegenüber den Medien als heimliche Miterzieher zu sehen. In dieser Funktion sollte er gestärkt werden.

 

Frage 23: Welche Bedeutung hat Medienkompetenz für den Umgang mit Gewalt darstellenden Medien ? Welche konkreten Kompetenzen müssen vermittelt werden ? Welche Handlungskonzepte bieten sich hier – auch im internationalen Kontext – an ? Welche Erfahrungen wurden mit medienkundlichem Unterricht gemacht ?

 

Antwort:

Medienkompetenz erachten wir als Kinderschutzbund als eine der zentralen Schlüsselqualifikationen der Gegenwart und Zukunft. Auch hier gibt es bereits zahlreiche Modelle, von denen man lernen kann. Dennoch haben wir den Eindruck, dass die Erziehung zur Medienkompetenz der rasanten Weiterentwicklung der Medien weit hinterher hinkt. Auch fällt auf, dass Erwachsene kaum die Spiele und Videos kennen, die bei Kindern und Jugendlichen so begehrt sind. Urteile über die Qualität oder Sinnhaftigkeit der verwendeten Medien sind somit häufig nicht profund. Es gilt, gerade für die Pädagoginnen und Pädagogen, sich intensiver mit den Medien auseinander zu setzen, die Kinder und Jugendliche so faszinieren und dabei auch die Frage zu stellen, was diese Faszination ausmacht. Kritische Medienkompetenz bedeutet, zu akzeptieren, dass vielfältige Medien heute unseren Alltag bestimmen und aus diesem nicht mehr wegzudenken sind. Deshalb ist es notwendig, frühzeitig den Umgang damit zu lernen und zu üben. Dies gibt Pädagoginnen und Pädagogen die Chance, Kindern und Jugendlichen Orientierung in der Vielfalt zu bieten und aufzuzeigen, wo und wie im Alltag diese Medien sinnvoll und hilfreich, aber auch spaßvoll einzusetzen und zu nutzen sind. Gerade zu diesen Fragen brauchen auch Eltern Unterstützung und Medienkompetenz. Sie sind unsicher, ab welchem Alter, mit welcher Dauer und mit welchen Medien Kinder Umgang haben sollten. Projekte wie der Einsatz von sog. Medienbussen und „Mini-Klikker“ des Deutschen Kinderschutzbund Landesverbandes NRW versuchen hier modellhaft, Wege zu entwickeln und aufzuzeigen.

 

Frage 24: Was können Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Jugendliche und weitere Akteure (welche ?) im Umgang mit Gewalt und Medien tun ?

 

Antwort:

Ergänzend zu den gerade gemachten Ausführungen sei darauf hingewiesen, dass alle vorgeschlagenen Maßnahmen unter größtmöglicher Beteiligung der Kinder und Jugendlichen alters- und entwicklungsgemäß angegangen werden sollten. Als Schlusswort möchten wir Herrn Pfeiffer, Justizminister von Niedersachsen zitieren, der sagte: „Partizipation vermindert Gewalt“.