Experteninterview:
Prima Familienklima?
Die Erziehungswissenschaftlicher Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler sorgt mit ihrem neuen Buch „Elternkurse auf dem Prüfstand – Wie Erziehung wieder Freude macht“ für mehr Durchblick auf dem Erziehungskurs-Markt. In dem Buch werden vier Elternkurse vorgestellt, u.a. auch das Elternkurskonzept des Deutschen Kinderschutzbundes „Starke Eltern – Starke Kinder“, sowie Menschenbilder, Ziele, Inhalte und Methoden miteinander verglichen. Das wissenschaftliche Informationsbuch will damit auf die Bedeutung von Präventionsangeboten für alle Eltern hinweisen.
? Was war ihre grundlegende Motivation, dieses Buch für Eltern zu schreiben?
! Ich möchte Eltern Mut zur Erziehung machen, denn sie sind keine Erziehungsroboter! Der idealtypische Blick auf Erziehung, der einerseits Visionen von einer „guten Erziehung“ eröffnet, kann Eltern und Erzieher andererseits maßlos überfordern. Selbstkritisch stellen entwicklungsfördernde Eltern fest, dass auch sie ihr Kind hin und wieder demütigen, ungeduldig werden oder explodieren. Das Kind „nervt“, wenn es seine hundertste Frage nach dem Woher und Warum stellt. Manchmal rutscht vielleicht sogar die Hand aus und die Eltern haben ein schlechtes Gewissen.
Gerade Eltern, die bewusst erziehen und sich ihrer Verantwortung stellen, verzweifeln oft angesichts ihrer Unzulänglichkeiten, zumal wenn sie in zahlreichen Erziehungsratgebern Empfehlungen und Rezepte erhalten, die sie befolgen wollen. Stress, der sich so entwickelt, wirkt such auf die Gesamtatmosphäre ungünstig aus. Wenn Eltern ein grundsätzliches „Ja“ zu ihren Kindern sagen und sie ihre Mutter- und Vaterrolle akzeptieren, ihre Kinder lieben, sie als eigenständige Subjekte achten und ihre Grenzen und Struktur ermöglichen, dann sind Fehler im Erziehungsalltag nicht so gravierend, wie dann, wenn die Basis der Beziehung nicht vorhanden ist.
? Sie haben im Jahr 2001 in Teamarbeit eine Evaluationsstudie zum Kurskonzept „Starke Eltern – Starke Kinder“ geleitet. Welche neuen Erkenntnisse haben Sie im Ergebnis besonders beeindruckt?
! Eltern, die einen Elternkurs besucht haben, versuchen weitgehend auf entwicklungshemmendes Erziehungsverhalten, wie Ohrfeigen, Beschimpfung, Beleidigung, Demütigung des Kindes und dirigistisches Verhalten zu verzichten und ziehen stattdessen andere, entwicklungsfördernde Erziehungsmaßnahmen wie zum Beispiel Lob und direkte Kommunikation in Erwägung. Das allein ist schon ein sehr beeindruckendes Ergebnis.
Darüber hinaus nehmen Eltern Situationen vermehrt aus der Perspektive der Kinder wahr. So geht zum Beispiel aus den Tiefeninterviews hervor, dass das Reflexionsniveau der Eltern erheblich gestiegen ist, ebenso ihre Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Als Botschaft haben sie mitgenommen: „Ich muss nicht perfekt sein, es reicht, eine hinreichend gute Mutter und ein hinreichend guter Vater zu sein.“ Diese Einsicht empfinden die Eltern als Entlastung, die noch zusätzlich durch den Austausch in der Gruppe mit anderen Eltern als wesentlicher Kurserfolg dargestellt wird.
Durch neu gewonnene Einsichten und die innere Entlastung hat sich nach Selbstaussagen der Eltern das Familienklima erheblich gebessert. Eltern und Kinder verbringen mehr Zeit miteinander und praktizieren häufiger direkte statt indirekte Kommunikation.
? Warum sind Elternkurse heutzutage so wichtig?
! Schauen wir auf das Elternverhalten, dann zeigen unsere Beobachtungen sowohl im Familienalltag als auch im Rahmen von Elternkursen und Beratungen, dass die meisten Eltern ihre Kinder lieben und bereit sind, das Beste für deren Wohlergehen, welches ihnen sehr am Herzen liegt, zu leisten. Oft allerdings müssen sie dabei erleben, dass sie mit ihrem überlieferten, eingeschränkten Handlungsrepertoire nur wenig Einfluss auf ihre Kinder ausüben können. Viele Eltern erkennen durchaus auch eigene Erziehungsschwächen und sind daher auf der Suche nach Hilfe und Unterstützung. Mir ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Fehler und Schwächen in den Erziehungsbemühungen dazugehören und es keine Schande ist, Hilfe und Unterstützung in Form von Elternkursen anzunehmen, sondern im Gegenteil, dass es die besondere Verantwortung zeigt, die Eltern ihren Kindern gegenüber haben.
? Wie unterscheidet sich das Kurskonzept „Starke Eltern – Starke Kinder“ des Deutschen Kinderschutzbundes von anderen Kursangeboten wie zum Beispiel Tripl P und STEP-Elternkurs?
! Es gibt inzwischen einen regelrechten Elternkursmarkt und sehr viele Angebote, die zum Teil sehr gegensätzliche Ziele vertreten und auch mit unterschiedlichen Methoden arbeiten. Für mich sind Elternkurse dann sinnvoll, wenn sie es vermögen, Eltern zu ermutigen, in einen selbstreflexiven Prozess zu treten. Hierbei sind sowohl die Auseinandersetzungen mit eigenen Kindheitsmustern als auch die Reflexion des aktuellen Erziehungsgeschehens eingeschlossen. Bei der Auswahl geeigneter Elternkurse ist meines Erachtens eines der wesentlichsten Qualitätskriterien, ob das Konzept des Elternkurses angstfreie Räume, Anregungen und Möglichkeiten zur Selbstreflexion und Selbsterkenntnis bietet. Dies ist in dem Elternkurs „Starke Eltern – Starke Kinder“ ein wesentlicher Punkt, neben dem, das Kind als Subjekt mit eigenen Rechten zu achten.
Im Gegensatz dazu legt Tripl P besonderen Wert darauf, das aktuelle störende Verhalten des Kindes durch gezielte Methoden zu beheben. Es werden Erziehungsrezepte und Verhaltensregeln für Eltern vorgegeben.
Ich halte es für eine größere Hilfe, wenn Eltern lernen, selbst wahrzunehmen, die Perspektive des Kindes einnehmen zu können, mit dem Kind gemeinsam Lösungen erarbeiten, über sich und ihre Verhalten reflektieren und das Kind als Individuum achten. Der polnische Arzt und Pädagoge Janusz Korczak sagte dem Sinne nach: „Wie kann ich wissen, wie eine mir fremde Mutter, ein mir fremdes Kind in einer mir fremden Situation erziehen soll“.
? Wenn Sie entscheiden könnten: Wären Sie dafür, dass die Teilnahme an einem Elternkurs zur Pflicht wird?
! Es gibt wohl kaum ein Amt für das so wenig Aus-, Weiter- und Fortbildung in Anspruch genommen wird wie für die äußerst verantwortungsvollen Aufgaben der Elternschaft und der Erziehung. In Anbetracht der Tatsache, dass Kinder ein Recht auf Erziehung haben, Eltern die Erziehungsverantwortung übernehmen sollen und der Staat die Fürsorgepflicht wahrzunehmen hat, muss es im Interesse des Staates und damit des Allgemeinwohls sein, alle Eltern in ihrer Erziehungsaufgabe angemessen zu unterstützen, sowie Wege für eine gewaltfreie und das Kind als Subjekt achtende Erziehung aufzuzeigen.
Andererseits kann dass, was zur Pflicht wird und wozu Menschen gezwungen werden, aber kaum zu einer veränderten Haltung führen – und darum geht es letztendlich. Von daher glaube ich, dass schon sehr früh, am besten in der Schule in der Mittel- und Oberstufe Jugendliche in einem speziellen Fach, Gelegenheit erhalten sollten, z.B. entwicklungsfördernde Kommunikationstechniken einzuüben oder etwa entwicklungspsychologische Informationen zu erhalten.
Des weiteren sollen möglichst viele Eltern die Möglichkeit erhalten, vielleicht schon in Zusammenhang mit Schwangerschaftskursen, sowohl etwas über entwicklungsförderndes Erziehungsverhalten als auch über sich selbst und die Bedürfnisse der eigenen Entwicklungsphase zu erfahren. Erziehung, Selbsterkenntnis und Selbstreflexion hängen eng miteinander zusammen – sie gelingen leichter, wenn es hierzu Unterstützung und Austausch mit anderen gibt.
Es muss insgesamt ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass es sich für das Familienklima, für die Entwicklung der Kinder aber auch für das eigene Wohlempfinden lohnt, solche Formen der Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Die Evaluationsstudie
Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler
Elternkurse auf dem Prüfstand
Die Autorin Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Fachhochschule Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, Leiterin des Forschungsprojektes „Evaluation von Elternkursen zur Gewaltprävention und Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz“, Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Kindheit, Jugend, Familien und Erwachsene, Mitglied der Deutschen Janusz-Korczak-Gesellschaft und wissenschaftliche Beirätin der „Interdisziplinären Studiengesellschaft.
Elternkurse auf dem Prüfstand – Wie Erziehung wieder Freude macht, Prof. Dr. Sigrid Tschöpe.Scheffler, Verlag Leske + Budrich, Opladen, 278 Seiten, 14,90 Euro.