elementare Bestandteile von Starke Eltern – Starke Kinder®
(Ergänzungsbeschluss der DKSB Mitgliederversammlung 2005 zu den Standards und Richtlinien für Starke Eltern - Starke Kinder®)
Die hier zusammengestellten elementaren Bestandteile des Elternkurses Starke Eltern – Starke Kinder® des Deutschen Kinderschutzbundes sind verpflichtend für das Angebot des Elternkurses. Modifikationen in Bezug auf Zielgruppen, Kontexte, Themen oder Methoden können nur vorgenommen werden, wenn die elementaren Bestandteile dadurch unverändert erhalten bleiben. Wird diese Bedingung nicht erfüllt, handelt es sich nicht um Elternkurse Starke Eltern – Starke Kinder® des Deutschen Kinderschutzbundes und sie dürfen unter diesem Titel nicht angeboten werden.
I. Rechtliche Grundlagen
1. UN-Konvention über die Rechte des Kindes [1]
Der Elternkurs Starke Eltern – Starke Kinder® des Deutschen Kinderschutzbundes basiert auf der UN-Konvention über die Rechte des Kindes und soll die Umsetzung dieser Rechte innerhalb des Familienkontextes unterstützen. Besondere Bedeutung haben in diesem Zusammenhang die Artikel 5: Pflichten der Eltern; Artikel 9: Elterliche Sorge und Nicht-Trennung von den Eltern; Artikel 19: Schutz vor Gewalt; Artikel 12/13: Recht auf Gehör/freie Meinungsäußerung und Artikel 42: Bekanntmachung der Konvention.
2. Gewaltächtungsgesetz (§ 1631 Abs. 2 BGB) [2]
Zentral für den Elternkurs Starke Eltern – Starke Kinder® des Deutschen Kinderschutzbundes ist das im § 1631 Abs. 2 BGB verankerte Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung. Diese Gesetzesvorschrift Eltern bekannt zu machen, eine gewaltfreie Erziehungseinstellung zu stützen und zu fördern und ein entsprechendes Handlungsrepertoire verfügbar zu machen, ist Basiselement und zugleich übergeordnetes Ziel des Elternkurses.
II. Arbeitsgrundlagen des Deutschen Kinderschutzbundes
1. Grundorientierungen [3]
Die folgenden Orientierungen gelten für alle Angebote des deutschen Kinderschutzbundes im Bereich 'Gewalt gegen Kinder' und somit auch für den Elternkurs Starke Eltern – Starke Kinder®.
Kindorientierung: Der Kinderschutzbund geht bei allen seinen Aktivitäten von den Rechten, Interessen und Bedürfnisse von Kindern aus. Das 'beste Interesse des Kindes' (Art. 3 der UN-Konvention über die Rechte des Kindes) ist Handlungsleitlinie, (…).
Familienorientierung: Der Kinderschutzbund sieht Familie als primären Entwicklungs- und Erfahrungsort für Kinder und unterstützt Eltern, auch getrennt lebende, bei der Wahrnehmung ihrer Erziehungsverantwortung. Mit "Familie" meint der DKSB jegliche Form des Zusammenlebens von Erwachsenen und Kindern, in denen die Erwachsenen Erziehungsverantwortung tragen und sich zwischen Erwachsenen und Kindern dauerhafte Beziehungen entwickeln und/oder bestehen. (…) Bei einer Trennung der Familie (…) fördert der Kinderschutzbund, soweit möglich, das Recht des Kindes auf Kontakt zu beiden Elternteilen. Hierbei ist das Recht des Kindes, seine Meinung zu äußern und angemessen berücksichtigt zu sehen, besonders zu beachten.
Lebensweltorientierung: Der Kinderschutzbund bezieht alle seine Überlegungen und Handlungen auf die gesamte Umgebung des Kindes und ihren Einfluss auf die Entwicklung seiner Persönlichkeit. Kinder und Jugendliche müssen die Möglichkeit erhalten, sich als Subjekte ihres eigenen Lebens und Handelns zu erfahren. Voraussetzung hierfür sind ganzheitliche Ansätze, die der Komplexität der Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen Rechnung tragen (…).
Ressourcenorientierung: Der Kinderschutzbund setzt bei allen seinen Angeboten auf die Stärken und Kräfte des Kindes und seiner familialen und weiteren Umgebung und fördert deren Partizipation. (…).
Die Orientierung auf Stärken und Fähigkeiten der Eltern und die gleichberechtigte Mitwirkung von Kindern an familialen Entscheidungen gilt für den Elternkurs Starke Eltern – Starke Kinder® in besonderem Maße.
2. Arbeitsprinzipien [4] des Deutschen Kinderschutzbundes
Die Arbeitsprinzipien gelten uneingeschränkt für alle Angebote des Deutschen Kinderschutzbundes. Für das Angebot Starke Eltern – Starke Kinder® sind die folgenden besonders relevant:
"Alle Entlastungs-, Unterstützungs-, Hilfs- und Beratungsangebote sind dienstleistungsorientiert, d.h. das Interesse der Hilfesuchenden steht im Mittelpunkt. Handlungsleitend ist das Prinzip "im besten Interesse des Kindes".
Alle Dienstleistungen des DKSB zielen darauf, Menschen zu ermutigen, ihr Leben und ihre Lebensumwelt aktiv zu gestalten. Sie beziehen sich auf die Ressourcen der Menschen, nicht auf deren Defizite. Sie strafen nicht, entmündigen nicht, kontrollieren oder stigmatisieren nicht und fördern keine Abhängigkeit.
Der DKSB achtet die Gleichheit aller Menschen. Er wendet sich aktiv gegen jede Form von Diskriminierung.
Die Inanspruchnahme aller Dienstleistungen des DKSB ist freiwillig. Der Wunsch aller Hilfesuchenden nach Anonymität wird respektiert und Vertrauensschutz geboten. Zusammenarbeit mit anderen Institutionen findet nur in Absprache mit den Hilfesuchenden statt."
3. Standards [5] für den Elternkurs Starke Eltern – Starke Kinder®
Der Elternkurs Starke Eltern – Starke Kinder® des Deutschen Kinderschutzbundes ist ein präventives Angebot. Beratungsangebote für Familien mit verfestigten Konfliktmustern werden vermittelt.
1. Der zeitliche Umfang des Elternkurses beträgt 8-12 Kurseinheiten (mindestens 16 Zeitstunden, nicht ausschließlich als Kompaktwochenenden)
2. Die Gruppengröße beträgt mindestens 8 und höchstens 16 Teilnehmer/-innen.
3. Folgende Rahmenbedingungen sind vorab zu klären:
· Aufstellung eines Kosten- und Finanzierungsplanes (…),
· Finanzierungsmöglichkeiten (…)
· Raumwahl (…)
· Klärung der Bewirtung (…)
4. Zielgruppe sind grundsätzlich alle Eltern, eine spezifische Zielgruppenansprache (…) ist möglich. Elternkurse können auch als Fortbildung für
Fachkräfte (…) angeboten werden.
5. Beim Zugang ist das Prinzip der Freiwilligkeit uneingeschränkt gültig (…).
6. Gruppenregeln (...) sind gemeinsam mit den Eltern beim 1. Kurstreffen festzulegen.
7. Durchführung eines Elternkurses möglichst mit 2 Elternkursleiter/-innen
8. Eine Rollenkollision muss ausgeschlossen sein (eine Fachkraft, die einen beruflichen Kontakt zu bestimmten Familien hat, darf nicht
gleichzeitig Elternkursleiter/-in für diese Eltern sein).
9. Folgeangebote zur Sicherung der Nachhaltigkeit und zum Aufbau von Elternselbsthilfe sollen unterstützt werden.
10. Am Ende des Kurses erfolgt eine Auswertung (Feedbackbogen) durch die Eltern.
11. Der Elternkurs wird durch einheitliche Evaluationsbögen ausgewertet, die dem zuständigen Landesverband zugeleitet werden.
III. Grundinhalte des Elternkurses
1. Gewaltfreiheit
Gewaltfreiheit heißt für den Deutschen Kinderschutzbund mehr als die Abwesenheit von Gewaltanwendung. Gewaltfreiheit ist Respekt, miteinander und voneinander lernen, Gleichheit, Vertrauen und Anerkennung.
Alle theoretischen, methodischen und kommunikativen Elemente des Elternkurses Starke Eltern – Starke Kinder® des Deutschen Kinderschutzbundes fördern dieses Verständnis von Gewaltfreiheit im Denken, Verhalten und Handeln.
2. Modell anleitender Erziehung
Der Elternkurs Starke Eltern – Starke Kinder® des Deutschen Kinderschutzbundes verwirklicht eine gewaltfreie Erziehung durch das Modell der anleitenden Erziehung.
Diesem Modell liegt folgendes Menschenbild zugrunde: Der Mensch strebt nach Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit. Der Einzelne ist fähig, mit allen Aspekten seines Lebens konstruktiv fertig zu werden, sein Selbstentfaltungswille darf nicht behindert, sondern muss unterstützt werden. Der Mensch wird im Kontext seiner Beziehungen und als Teil eines Systems gesehen. Störungen eines Einzelnen sind ein Ausdruck bestimmter Beziehungsmuster. Die Veränderung eines Teils in dem System hat Auswirkungen auf alle anderen. Der Mensch strebt nach Homöostase (Balance zwischen Bindung und Autonomie)[1][6].
Erziehung ist ein kommunikativer Prozess. Sie beruht auf den Wert- und Erziehungsvorstellungen der Eltern, erfordert eine entwicklungsfördernde Atmosphäre für alle Familienmitglieder und einen Kommunikations- und Aushandlungsprozess, der alle Familienmitglieder gleichermaßen berücksichtigt.
Anleitung bedeutet: Eltern nehmen ihre Rolle und Verantwortung als Erziehende wahr und leiten und begleiten ihre Kinder - unter Achtung der Kinderrechte. In dieser Verantwortung liegt es, alters- und entwicklungsangemessene Spielräume und Grenzen für Kinder zu entwickeln.
3. Fünf-Stufen Aufbau
Das Modell anleitender Erziehung wird im Elternkurs Starke Eltern – Starke Kinder® des Deutschen Kinderschutzbundes in fünf logisch aufeinander aufbauenden Stufen vermittelt. Diese bilden die Grundlage und den roten Faden für den Elternkurs Starke Eltern – Starke Kinder®:
1. Klärung der Wert- und Erziehungsvorstellungen in der Familie
2. Festigung der Identität als Erziehende
3. Stärkung des Selbstvertrauens zur Unterstützung kindlicher Entwicklung
4. Bestimmung von klaren Kommunikationsregeln in der Familie
5. Befähigung zur Problemerkennung und –lösung.
4. Methodische Komponente
Der Elternkurs Starke Eltern – Starke Kinder® des Deutschen Kinderschutzbundes besteht aus einer Kombination zwischen Theorievermittlung und praktischer Erprobung (Richtwert: etwa ein Drittel zu zwei Drittel). Die theoretischen Anteile sind kurz, sprachlich verständlich und der Zielgruppe angemessen zu vermitteln. Bei den Praxisanteilen sind die Beispiele/Bedürfnisse der Kursteilnehmer/-innen ausschlaggebend.
Die Methoden des anleitenden Erziehungsmodells (Stufen) sind für alle Elternkurse Starke Eltern – Starke Kinder® verbindlich. Die Mottos sind unabdingbare Illustration des Inhalts der jeweiligen Kurseinheit.
Die Reflexion des Erlernten im Familienalltag anhand der Wochenaufgaben dient der Stärkung der Erziehungskompetenz von Eltern unter Alltagsbedingungen.
IV. Wirksamkeitsfaktoren
1. Kursleitung als Modell
Die Kursleitungen repräsentieren gegenüber den Eltern das Modell anleitender Erziehung. Sie fungieren als Modell für einen gewaltfreien, kommunikativen und offenen Erziehungsstil. Ihre Haltung ist geprägt von Respekt gegenüber den Wert- und Erziehungsvorstellungen der Eltern und Achtung vor ihrer Erziehungsleistung. Sie weisen auf Einstellungen und Verhaltensweisen hin, die Kindern schaden können. Die Kursleitungen übermitteln die Überzeugung, dass nur eine gewaltfreie Erziehung entwicklungsfördernd sein kann.
2. soziale Komponente
Die Wirkung des Elternkurses Starke Eltern – Starke Kinder® des Deutschen Kinderschutzbundes beruht ganz wesentlich auf dem Erfahrungsaustausch innerhalb der Gruppe. Eltern sind die Erziehungsexperten, daher ist die gegenseitige Unterstützung ebenso notwendig wie die professionelle Kursleitung. Innerfamiliale Belastungen werden dadurch ab- und soziale Netze aufgebaut.
Die Einrichtung selbstorganisierter Gruppen nach dem Kursbesuch soll die soziale Komponente festigen.
3. Lernerfahrungen
Der Elternkurs Starke Eltern – Starke Kinder® des Deutschen Kinderschutzbundes geht davon aus, dass über eine Reflexion der Einstellung Verhalten und Handeln veränderbar ist – und umgekehrt. Daher ist eine enge Verschränkung von Probehandeln während der Kursabende und Alltagshandeln während der Woche unverzichtbar. Eine 'Kompaktvermittlung' ist damit nicht möglich.
[1] Die UN-Konvention über die Rechte des Kindes ist ohne Einschränkungen Grundlage aller Aktivitäten des Deutschen Kinderschutzbundes ( Beschluss der Mitgliederversammlung des Deutschen Kinderschutzbundes 1992)
[2] „Kinder haben ein recht auf gewaltfrei Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ In Kraft seit 07.11.2000
[3] aus: „Verständnis und Grundlagen>Gewalt gegen Kinder<“ (Beschluss der Mitgliederversammlung des Deutschen Kinderschutzbundes 2000)
[4] aus „Standards und Prinzipien für die gesamte praktische Arbeit“ (Beschluss der Mitgliederversammlung des Deutschen Kinderschutzbundes 1996)
[5] aus: Standards und Richtlinien Starke Eltern – Starke Kinder® (Beschluss der Mitgliederversammlung des Deutschen Kinderschutzbundes 2003)
[6] Zit. Nach Prof. Sigrid Tschöpe-Scheffler in: TPS 8/ 2004, Elternkurse im Vergleich – Menschenbilder, Inhalte, Methoden .