Als am 19.09.2004 die erste Folge der Super-Nanny auf RTL ausgestrahlt wurde, war das Echo in der Bevölkerung groß, aber auch widersprüchlich. Nicht nur eine Wiederholung der Sendung war die Folge, sondern auch eine Vielzahl von Anrufen und Beschwerden beim Deutschen Kinderschutzbund Landesverband NRW und anderen Standorten des DKSB.
Als Lobby für Kinder sah sich der DKSB im Zuge dessen gefordert, die erste Folge mit Blick auf die Kinder und die Wahrung ihrer Rechte fachlich zu prüfen. Ergebnis war die Stellungnahme des DKSB vom 11.Oktober 2004.
Die Kritik des Deutschen Kinderschutzbundes an der Super Nanny und konzeptionell ähnlich ausgerichteter Formate (wie z.B.: Super Mamas, Fit for kids) bezieht sich sowohl auf das Sendeformat (Doku-soap mit Mitwirkung bzw. Beteiligung von Kindern), die entwürdigende Darstellung der Familien als auch fachlich-inhaltlich auf die Form der Intervention durch die Super Nanny.
Mit diesem offenen Brief reagieren der Deutsche Kinderschutzbund und die Unterzeichnenden auf die durch die Ausstrahlung der Super Nanny & Co. entstandene Debatte über Erziehung und möchten sie auf eine breitere und seriöse Basis stellen.
Da viele Eltern nach Orientierung in ihrem Erziehungsverhalten suchen, sollten folgende Erkenntnisse über Kindererziehung vermittelt werden:
§ Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit (vgl. hierzu § 1 SGB VIII) muss Mädchen und Jungen als Subjekte mit eigenen Rechten würdigen.
§ Erziehung ist als wechselseitiges Geschehen zu verstehen, an dem sowohl Eltern als auch Kinder mit ihren Stärken, Kompetenzen und Persönlichkeiten beteiligt sind. Vater, Mutter, Sohn und/oder Tochter sind Teile eines familialen Systems und als solche allesamt AkteurInnen des Geschehens. Sie alle brauchen folglich auch Hilfestellung bei der Suche nach Lösungen von familiären Konflikten.
§ Störungen in der Eltern-Kind-Beziehung werden durch eindimensionale Erklärungen nicht hinreichend erfasst. Sie sind immer Ausdruck eines Zusammenwirkens von mehreren Faktoren, die gleichermaßen Berücksichtung finden müssen, wenn es Ziel sein soll, familiäre Probleme langfristig zu lösen.
§ Erziehung kommt ohne Konflikte nicht aus. Vielmehr sind Konflikte und ihre Bewältigung wichtige Lernfelder gerade auch für Kinder und ihre Problembewältigungsmöglichkeiten in ihrem weiteren Leben. Kinder und Eltern müssen eigene Ideen entwickeln und eigene Möglichkeiten ausprobieren können. Es gilt für beide Parteien, die Fähigkeit zur gewaltfreien Aushandlung von Problemlösungen zu erwerben und zu trainieren.
§ Kinder brauchen ohne Frage auch Strukturen und Grenzen, und Eltern brauchen ihrerseits den Mut und die Fähigkeit, diese Grenzen im richtigen Moment aufzuzeigen und einzuhalten. Eine Grenzsetzung bedarf jedoch der Begründung und der Berücksichtigung der Gegenargumente des Kindes. Die Erfahrung, mit der eigenen Persönlichkeit respektiert zu werden und Einfluss nehmen zu können, stärkt das Selbstbewusstsein und das Selbstvertrauen. Das sind die Faktoren, die Kinder als die Gestalter der Gesellschaft von morgen zu verantwortungsvollen Erwachsenen wachsen lassen.
§ Erziehung ist kein starrer Vorgang zwischen Eltern und Kindern, sondern vielmehr ein Prozess, in dem Eltern und Kinder im besten Fall in ihrer Persönlichkeit wachsen. Auch wenn es zuweilen nicht in den gesellschaftlichen mainstream zu passen scheint, Erziehung braucht infolge dessen Zeit! So wie massive Problemkonstellationen in der Regel eine lange Vorgeschichte haben, so benötigt auch die Wendung hin zu einem gelingenden Zusammenleben als Familie ausreichend Raum für korrigierende Erfahrungen und die Aneignung neuer Verhaltensmuster.
Die Unterzeichner finden es äußerst unterstützenswert, wenn die Medien das Thema Erziehung aufgreifen. Allerdings muss dies zur Förderung elterlicher Erziehungskompetenz und zur Unterstützung eines gewaltfreien familiären Zusammenlebens in einer angemessenen Form geschehen. Die Kinderrechte sind dabei uneingeschränkt zu wahren. Auch sollte nicht „aus Quotengier dem Fast-food-Zeitgeist entsprechend die wertvolle Arbeit engagierter Kinderorganisationen und Fachleute durch unseriöse Heilsversprechen konterkariert werden“[1].
Deshalb distanzieren sich die UnterzeichnerInnen nachdrücklich von
§ Stigmatisierungen der in den Doku-soaps dargestellten Kinder als Monster, Terrorkids oder anderer Abwertungen von Familienmitgliedern
§ der Zurschaustellung kindlichen Problemverhaltens zur Unterhaltung der Öffentlichkeit
§ einer Zurschaustellung elterlichen Fehlverhaltens zur Unterhaltung der Öffentlichkeit, zumal dies auch auf die Kinder zurück fallen kann nach dem Motto „ist deine Mutter aber…“
§ Versprechungen, massive familiäre und erzieherische Probleme in kürzester Zeit beheben zu können,
§ Darstellungen, Erziehung nach Rezept könnte langfristig erfolgreich sein,
§ einer defizitorientierten Haltung im Umgang mit Eltern und Kindern,
§ einer grundlegenden Infragestellung bzw. Ausblendung des vorhandenen Hilfesystems für Kinder und Eltern.
Wir erkennen an, dass der Sender RTL zwischenzeitlich auf der Grundlage der Kritik des Deutschen Kinderschutzbundes, anderer Fachorganisationen und vieler Einzelpersonen am Interventionskonzept der „Super Nanny“ nachgebessert hat. Dennoch bleibt die Kritik in ihren grundsätzlichen Punkten weiterhin begründet (*). Dies gilt auch vor dem Hintergrund, dass weitere ähnliche Doku-soap-Formate bei anderen Sendern auf dem Vormarsch sind (u.a. Super Mamas auf RTL II, Fit for Kids auf Pro 7).
[1] Bergit Fesenfeld „Ratz fatz erziehen – und die Kamera hält drauf“, Januar-Ausgabe von „M-Menschen machen Medien“.
(*) Präsentation der Familienmitglieder: Die getätigten Veränderungen können jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass die einzelnen Familienmitglieder in der Sendung nach wie vor in einer Form gezeigt werden, die nur schwerlich als gewünschte Selbstpräsentation in der Außenwelt angenommen werden kann. Aus Sicht des DKSB kann es insbesondere nicht im Interesse von Kindern sein, einem Millionenpublikum als schwer erziehbar oder als Problemkind vorgeführt zu werden – als Kind, dass unter Umständen die ganze Familie terrorisiert. Ebenso ist zu bezweifeln, dass es im Interesse von Kindern ist, wenn innerfamiliäre Probleme (Ehekonflikte, Geschwisterprobleme) ihrem gesamten sozialen Lebensumfeld (SchulkameradInnnen, Nachbarskindern etc.) detailliert bekannt werden.