Wuppertal, den 23. Dezember
2004
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Probe-Fahrt
– Probe-Abo – Probe-Häppchen: alles nur mal so zum Testen. „Doch die Palette
der ‚Warenprobe’ ist seit gestern Abend erweitert – um die ‚Testware Mensch’.“
– Mit ungewöhnlich scharfer Kritik reagierte der Deutsche Kinderschutzbund
(DKSB) in Nordrhein-Westfalen auf die neue Serie „Fit for Kids? – Eltern auf
Probe“, die ProSieben gestern in seinem Abendprogramm startete. „Gummibäume
topft man um; Kinder nicht. Einen Hund zum Kennenlernen aus dem Tierheim zu
holen, ist o.k. Bei Leih-Kindern hört der Spaß aber auf“, sagte der Vorsitzende
des Kinderschutzbundes NRW, Dieter Greese im Anschluss an die Sendung. Der
Kinderschutzbund habe die Sendung analysiert und komme zu dem Schluss, dass Fit
for Kids? – Eltern auf Probe ein aus Sicht des Kinderschutzes „sehr
bedenkliches Format“ sei. „Das Interesse der Fernsehzuschauer – angeheizt durch
Musikeinspielungen wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ - wird hier auf dem Rücken der Leih-Kinder
ausgetragen. Die Sendung ist ethisch nicht nur fraglich, sondern verwerflich“,
sagte Greese. Das neue ProSieben-Format bringe Quote für den Sender – und die
Gefahr seelischer Qualen für die Kinder.
Fit for
Kids? – Eltern auf Probe überfordert nach Einschätzung des Deutschen Kinderschutzbundes
beide Seiten: die Leih-Kinder und die ProSieben-Probe-Eltern. „Die Kinder
stecken mitten in der Entwicklungsphase. Ihre persönlichen Probleme einem millionenschweren
Fernsehpublikum frei Haus zu liefern, ist nicht zu vertreten. Die Präsentation
ihrer Persönlichkeit via Bildschirm kann sich für die Kinder später übel
rächen. Wir erleben bei ProSieben die Zurschaustellung des kindlichen
Gefühlslebens auf dem öffentlichen Silbertablett – eine Art Seelenstrip. Das
ist mehr als unanständig“, sagte der Geschäftsführer des Kinderschutzbundes
Nordrhein-Westfalen, Friedhelm Güthoff. Der Diplompädagoge entdeckte bereits in
der ersten Sendung gestern Abend Szenen, in denen Kinder einer massiven
Irritation ausgesetzt worden seien. Auch die Hilflosigkeit der
„Möchte-Gern-Eltern“ offenbare weitere peinliche Einblicke in den Umgang mit
Kindern. Es sei schlimm, wenn dies Teilen der Zuschauer einen zweifelhaften
Unterhaltungswert verschaffe. Der Erkenntnisgewinn der „Probe“-Eltern sei im
übrigen völlig realitätsfern. Kein junges Ehepaar müsse aus dem Stand vier
ältere und entwicklungsmäßig sehr unterschiedliche Kinder erziehen.
Es sei
offensichtlich die Konzeption der Sendung, auf Kosten der Persönlichkeit von Menschen
einen „unmoralischen Spaßfaktor“ zu produzieren. ProSieben habe bereits im Vorfeld
der gestrigen Sendung von den Kindern als „kleinen Chaoten“ gesprochen und
einem betroffenen Kind den Stempel aufgedrückt, durch „nervige Heulattacken“
aufzufallen. „Anstatt nach den Gründen für das kindliche Verhalten zu suchen
und pädagogisch zu helfen, hat sich ProSieben dazu entschlossen, diese Kinder
als Quotenbringer für eine Anti-Pädagogik zu nutzen“, sagte Güthoff. Da helfe
auch der Auftritt einer sog. Erzieherin nichts. Leider fehle dem Berufsstand
„Erzieherin“ auf Grund unzulänglicher Ausbildungsvoraussetzungen die
erforderliche Fachkompetenz, um ein solches Erziehungskonstrukt angemessen zu
begleiten. Hier handle es sich um eine bloße Alibifunktion.
Der
Geschäftsführer des Kinderschutzbundes NRW distanzierte sich in diesem Zusammenhang
von einem Link, den ProSieben auf seiner Homepage zu einer Internetseite des
Deutschen Kinderschutzbundes in Remscheid gesetzt hat. Der DKSB-Ortsverband
führe dort bereits seit Jahren unter dem Motto „Fit für Kids“, der dem jetzigen
ProSieben-Sendetitel äußerst ähnele, Elternkurse durch. „Wir wollen mögliche
Verwechslungen vermeiden. Deshalb treten wir entschieden dem Eindruck entgegen,
der Deutsche Kinderschutzbund trage das Sendekonzept inhaltlich mit. Die
Kopplung zum Kinderschutzbund mag von ProSieben gewollt sein. Wir lehnen sie
ab“, sagte Güthoff.
Ziel von
TV-Formaten wie „Fit for Kids? – Eltern auf Probe“ von ProSieben,
„Super-Nanny“ von RTL und „Supermamas“ von RTL II
sei die Erprobung von Erziehung vor laufenden Kameras. Für den Kinderschutzbund
NRW sind dies „neue Experimentierfelder für den Umgang mit Kindern, denen jedes
pädagogisch vertretbare Niveau fehlt“. Es sei ein „Tohuwabohu der Pädagogik“.
Der Deutsche Kinderschutzbund erteilt solchen Shows eine klare Absage: „Probleme
von Kindern ins Licht der Öffentlichlicht zu zerren, bedeutet, ihre Persönlichkeitsrechte
zu mißachten“, sagte DKSB-Geschäftsführer Güthoff. Der Deutsche
Kinderschutzbund halte dies für rechtlich bedenklich. Ohne eigene Interessensvertretung
läge es z.B. nahe, dass die betroffenen Kinder sich nicht durchsetzen könnten
und somit keine Chance hätten, aus der Sendung auszusteigen.
Reality-Shows
wie Fit for Kids? – Eltern auf Probe lassen nach Ansicht des Kinderschutzbundes
für die Zukunft Schlimmes befürchten. „Es fehlt nur noch, dass wir eines Tages
Kinder aus dem Katalog für eine bestimmte Zeit nach Hause bestellen können...
Die Idee der Leih-Eltern ist eher eine Horrorvorstellung als Stoff für gute
Unterhaltung. Nur TV-Produzenten mit Ethik-Defekt können darin einen Fun-Faktor
sehen“, sagte Güthoff.
Das
Bedürfnis von Müttern und Vätern nach Orientierung, Unterstützung und Entlastung
bei der Kindeserziehung sei groß. „Selbstverständlich braucht ein Familienleben
Regeln, Vereinbarungen und Reaktionen auf Regelverstöße“. „Es ist grundsätzlich
zu begrüßen, wenn die Medien dieses Thema aufgreifen. Allerdings muss es fach-
und kindgerecht aufbereitet werden, um Eltern zu vermitteln, wie sie ihren
Kindern verantwortungsbewusst Grenzen und Regeln aufzeigen“, so
DKSB-Geschäftsführer Friedhelm Güthoff.
Ansprechpartner:
Friedhelm Güthoff, Landesgeschäftsführer DKSB NRW e.V.
Tel.: 0177 / 2733500