Stellungnahme zur neuen RTL Reality-Serie die Super Nanny

  

Stellungnahme des Deutschen Kinderschutzbundes zur neuen Realityserie „Die Super Nanny“ bei RTL [1]

 

Anlässlich der geplanten neuen Realityserie bei RTL „Die Super Nanny“, von der ein erster Teil bzw. der Pilotfilm bereits dreimal ausgestrahlt wurde  (19.9, 25.9.2.10.), setzt sich der Deutsche Kinderschutzbund kritisch mit der Form und den Inhalten des Real-People-Formats auseinander.

 

Der Deutsche Kinderschutzbund reagiert mit dieser Stellungnahme auf zahlreiche Beschwerden von Eltern und Fachkräften als Reaktion auf die Ausstrahlung. Da weitere Folgen geplant sind, sieht sich der Deutsche Kinderschutzbund in seiner Funktion als Lobby für Kinder gefordert, die Interessen der Mädchen und Jungen zu wahren und für die Einhaltung der Kinderrechte einzutreten. 

 

Der große Erfolg der Erstausstrahlung der „Super Nanny“ am 19.09.2004, der RTL knappe 5 Millionen Zuschauer bescherte, zeigt, dass es auf Seiten von Müttern und Vätern ein großes Bedürfnis nach Unterstützung und Hinweisen für den Erziehungsalltag mit ihren Kindern gibt. Diesen Bedarf bei Eltern durch die Medien aufzugreifen, ist grundsätzlich ein zu begrüßendes Unterfangen. Die Serie „Die Super Nanny“ wird jedoch weder in ihrer Form noch in ihren Inhalten diesem Anspruch unter Beachtung der Kinderrechte und der Menschenwürde gerecht. Kindererziehung stellt in der modernen Gesellschaft  die Eltern vor hohe Anforderungen. Pluralisierung von Lebensstilen und Werten und Normen, rasante technische und wirtschaftliche Veränderungen, der Wegfall traditioneller Netzwerke, weniger Kinder etc. sind einige der Aspekte, die maßgeblichen Einfluss auf die Erziehung haben und die Anforderungen an Eltern steigen lassen. Diese Entwicklungen lassen sich nicht mit einfachen Lösungen beantworten, sollen die Kinder verantwortungsbewusste Gestalter und Mitglieder der Gesellschaft von morgen sein.

Wir werden im folgenden unsere Kritik an der „Super Nanny“ konkretisieren (fett gedruckte Textteile), aber auch all die Fragen stellen, die uns durch die Ausstrahlung bisher unbeantwortet bleiben:

 

Zu den Rahmenbedingungen beim Entstehen des Pilotfilms

Vor Aufnahme der Filmarbeit: Vorbereitung der Familie

Ø      Die Familien, die sich zu einer Intervention durch die Super Nanny entschließen und sich bewerben, müssen zunächst ein Casting durchlaufen. Welche Kriterien entscheiden darüber, welche Familie mit welchen Erziehungsschwierigkeiten und Problemen den Zuschlag bekommt?

Ø      Versprochen werden den Familien für 2 Wochen Mitmachen 2000 Euro. Inwiefern sind dadurch Bestimmungen des Kinderarbeitsschutzes berührt bzw. die Richtlinie in NRW zur Mitwirkung von Kindern beim Film- und Fernsehproduktionen (Ausnahmegenehmigungen der staatlichen Ämter für Arbeitsschutz mit Auflagen)?

Ø      Wird den Familien ein Honorar gezahlt, muss ein entsprechender Vertrag zwischen der Familie und der Produktionsgesellschaft Tresor TV abgeschlossen worden sein. Sieht dieser Vertrag die Möglichkeit des Abbruchs durch die Familie vor? Laut Aussage des Geschäftsführers der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), Joachim von Gottberg müssen die Programmverantwortlichen folgendes beachten: „Die Regeln des Spiels müssen beinhalten, dass die Teilnehmer jederzeit freiwillig entscheiden können aus der Sendung auszusteigen.“ (diskurs 3/2004 7. Jahrgang, S. 23)

 

Während der Aufnahmen – zeitlicher Rahmen

Ø      Die Filmaufnahmen in der Familie für diese Doku-Soap dauern mindestens 2 Wochen. Das bedeutet, dass während dieses Zeitraumes zumindest ein Kameramann/eine Kamerafrau mehr oder weniger ständig im Haus anwesend ist. Dies gilt insbesondere auch für die Situationen, in denen der 6jährige Max die Zeit alleine in seinem „Stillen Zimmer“ verbringen sollte. Den Jungen in diesen Situationen zu filmen und dies den Zuschauern vorzuführen, achtet nicht die Privatsphäre des Kindes und ist in besonderer Weise entwürdigend.

Ø      Aufgrund der Erfahrungen bei Dreharbeiten kann davon ausgegangen werden, dass eine Vielzahl von Personen während des Drehzeitraumes von 2 Wochen im Haus der in der Zeit der Filmarbeit das Haus der 7-köpfigen Familie anwesend waren: Beleuchter, Tontechniker, Aufnahmeleitung, Regisseur, Regieassistenz, 1-2 Kameramänner, Kabelträger, etc. Wo haben sich die Familienmitglieder aufgehalten, gab es überhaupt Rückzugsmöglichkeiten für die anderen Kinder oder mussten sie das Haus verlassen? Es stellt sich auch die Frage, ob ein Drehbuch vorlag und wie die Regieanweisungen lauteten. Musste Max sein Verhalten wiederholen (worauf einige Kameraeinstellungen schließen lassen)? Welche Regieanweisungen hat er erhalten, als er auf den Schrank bzw. durch das offene Fenster kletterte? Wurde eine Gefährdung bewusst in Kauf genommen? Bei dieser Art intensiver Filmaufnahmen über einen Zeitraum von 2 Wochen muss ständig geprüft werden, ob dies für die beteiligten Kinder noch zumutbar ist. Gab es für Max und seine Geschwister eine Interessenvertretung, die ihre Bedürfnisse in den Blick genommen hat? Hier wäre eine medienpädagogische Fachkraft zur Begleitung der Kinder notwendig gewesen. Wie sah die Betreuung der übrigen Kinder aus, während die Mutter und die Nanny sich intensiv mit Max beschäftigten?

 

Beteiligung der Familienmitglieder

Ø      Sind Max und seine Geschwister gefragt worden, ob sie mit den Filmaufnahmen und der Ausstrahlung einverstanden sind?

Ø      Es ist davon auszugehen, dass Filmaufnahmen für Kinder in der Regel als Spiel wahrgenommen werden. So muss es für den kleinen Max einen nicht aufzulösenden Widerspruch bedeuten, dass die Super Nanny und seine Mutter ihm klar machen wollen, dass es sich hier nicht um ein Spiel handelt.

 

Selektive Darstellung von Familie und Jugendhilfe

Ø      Die Dramaturgie des ausgestrahlten Zusammenschnitts ist sehr simpel: Zu Beginn sind nur solche Szenen zu sehen, die Max schwieriges, unruhiges Verhalten demonstrieren und damit gleichzeitig die vermeintliche Unfähigkeit der Mutter verdeutlichen sollen. So muss der Zuschauer den Eindruck gewinnen, dass das Kind keine positiven Seiten und die Mutter keine Kompetenzen haben. Zum Ende werden dann die Szenen aneinandergereiht, die Max als angepasstes, ruhigeres Kind zeigen. So wird der Erfolg der Super Nanny durch die Art des Zusammenschnitts des Filmmaterials sichtbar gemacht.

Ø      In der Ausstrahlung kommen einzelne Familienmitglieder und die Super Nanny zu Wort, die Max Verhalten aus ihrer Sicht beschreiben und bewerten. Max selber kommt in dieser Hinsicht niemals zu Wort. Nachdrücklich möchten wir darauf hinweisen, dass die Wirkung und Bedeutung dieser Aussagen für Max aus seiner Sicht berücksichtigt werden muss.

Ø      Ohne weitere Hinterfragung wird zu Beginn der Ausstrahlung darauf verwiesen, dass sich die Familie wegen der Schwierigkeiten mit ihrem 6jährigen Sohn bereits an das Jugendamt gewandt habe, aber aufgrund der Überlastung der Beratungsstellen nichts passiert sei. Der Deutsche Kinderschutzbund erwartet von Ausstrahlungen, die auch den Anspruch haben, lehrreich und nicht nur unterhaltsam zu sein, dass solche Aussagen belegt und differenziert dargestellt werden. So entsteht der Eindruck, die „Super Nanny“ sei die Alternative für Familien zum bestehenden Hilfe- und Unterstützungsangebot, was Beratungsstellen und familienunterstützenden Dienste in keiner Weise gerecht wird. Dazu passt es, dass weder als Einblendung, noch im Abspann, noch auf den Internetseiten des Senders Hinweise auf bestehende Hilfe- und Unterstützungsangebote für Zuschauer erfolgen. Damit hat der Sender eine Chance zur Vermittlung von unterstützungsbedürftigen Eltern in bestehende Hilfeangebote vertan.

Ø      Diesem Muster entspricht auch die isolierte Darstellung der Familie. Es gibt keinerlei Hinweise auf Nachbarn, Freunde, weitere Familienmitglieder oder Institutionen wie Schule und Kindergarten. So stellt sich die Frage, ob denn der 6jährige Max, der kurz vor seiner Einschulung steht, nie einen Kindergarten besucht hat, was heute in der Regel alle drei- bis 6jährigen Kinder tun. Gibt es niemanden und nichts im Umfeld der Familie, der bzw. das als Unterstützung und somit als Ressource fungiert?

Ø      Isoliert ist ebenfalls die Darstellung von Max Verhalten bzw. von jedem Einzelnen. Unumstritten ist, dass Familien als Systeme zu begreifen sind, was bedeutet, dass das Verhalten und die Entwicklungen der einzelnen Familienmitglieder in ihrer Wechselseitigkeit und Bezogenheit aufeinander betrachtet werden müssen. Eine isolierte Betrachtungsweise des Verhaltens einzelner Familienmitglieder ist schlichtweg unprofessionell.

 

Wahrung der Privatsphäre

Ø      Besonders beunruhigt ist der Deutsche Kinderschutzbund hinsichtlich der zu erwartenden Reaktionen aus dem Umfeld der Familie nach der Erstausstrahlung und zweifachen Wiederholung. Unter den mehreren Millionen Zuschauern werden zahlreiche Nachbarn, Familienmitglieder, Arbeitskollegen, MitschülerInnen, LehrerInnen etc. der Familie gewesen sein. Welche Konsequenzen hat es für die einzelnen Familienmitglieder, insbesondere für die Kinder, wenn ihre Schwierigkeiten derart öffentlich geworden sind?

Ø      Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit einer Nachbetreuung der Familie. Es ist – gerade wegen der Beteiligung von Kindern - nicht hinnehmbar, dass die Familie sich nach der Ausstrahlung ohne Prüfung der Folgen selbst überlassen bleibt, während RTL den Erfolg der neuen Serie, ausschließlich festgemacht an Zuschauerzahlen, begrüßt. Es ist darüber hinaus zu prüfen, welchen weiteren Unterstützungsbedarf die Familie nach Beendigung der Intervention durch die Super Nanny hat.

 

Die offensichtlich fehlende Reflexion der genannten Rahmenbedingungen ist gegenüber der Familie fahrlässig und würdelos.

  

Zu den Inhalten

 

Was ist die Botschaft der Serie?

Ø      Kindliches Verhalten ist grundsätzlich als Reaktion bzw. als Antwort auf seine Lebensumstände und seine –situation zu begreifen, unabhängig von der Frage, ob dieses Verhalten von Erwachsenen als angemessen oder unangemessen bewertet wird. Der Deutsche Kinderschutzbund kritisiert aufs Schärfste, dass es keinerlei Nachfragen durch die Super Nanny nach den Gründen für das Verhalten des 6jährigen Max gibt. Somit erhalten auch die Zuschauer keine Erklärungen. Wiederum ist der fehlende Blick auf die Familie als Ganzes und als System zu bemängeln. Die an einer Stelle in der Ausstrahlung getroffene Aussage, diese auffällige Verhaltensänderung sei seit der Geburt von Max ca. 3jähriger Schwester zu beobachten, bleibt völlig isoliert stehen. Es ist ein Gebot der Fachlichkeit, Verhaltensauffälligkeiten von Kindern gründlich diagnostisch abzuklären, d.h. beispielsweise in medizinischer, neurologischer und psychologischer Hinsicht, um so ggf. andere mögliche Ursachen auszuschließen.

Ø      Die Ziele der Intervention durch die Super Nanny, die Erwartungen und die Erziehungsvorstellungen der Eltern sind kein Thema für die Super Nanny und finden demzufolge keinerlei Berücksichtigung im weiteren Prozess.

Ø      Ebenso werden die kindlichen Bedürfnisse, insbesondere von Max, völlig ignoriert, ausgenommen der Bedürfnisse nach Struktur und Regeln. Nicht in einer Situation in der Ausstrahlung wird er überhaupt nach seinen Bedürfnissen gefragt, geschweige denn solche Überlegungen überhaupt miteinbezogen. Dabei muss sein Verhalten in direkten Zusammenhang mit seinen Bedürfnissen gestellt werden und die Frage müsste lauten: Wie können wir seine Bedürfnisse auf andere Art und Weise befriedigen als bisher und damit gleichzeitig erreichen, dass sein Verhalten angemessener wird und die Familienmitglieder sich alle besser fühlen.

Ø      Der Deutsche Kinderschutzbund hält es darüber hinaus für unlauter, in Elternforen sowie auf den RTL Internetseiten Eltern für die Beteiligung an dieser Doku-Soap mit dem Hinweis zu gewinnen, die Super Nanny würde das Problemkind innerhalb von zwei Wochen therapieren. Erziehung, Therapie sind Prozesse, die nur dann nachhaltigen Erfolg zeigen, wenn sie nicht kurzfristig angelegt sind und vor allem das Tempo von Eltern und Kindern berücksichtigen. Beratung und Verhaltensänderungen, die auch mehr als zwei Wochen danach noch wirken sollen, brauchen Zeit. Schnelle, einfache und übergestülpte Hilfen sind unseriöse Heilsversprechungen.

Ø      Darüber hinaus wird der vermeintliche Erfolg als Leistung der Super Nanny dargestellt. Die Anstrengungen, insbesondere der Mutter finden demgegenüber keine Erwähnung, wie im übrigen ihre Erziehungsleistungen (sie hat immerhin 4 Kinder) größtenteils  ausgeblendet werden.

 

 

Welches Erziehungsmodell wird vorgestellt? (Methoden, Vokabular etc.)

Grundsätzlich ist es richtig, dass eine Alltagsstruktur, gemeinsame Rituale und Zeiten miteinander, Regeln und konsequentes Verhalten wichtige Prinzipien in der Kindererziehung sind. Gleichwohl ist auch hier hinsichtlich der Ausstrahlung zu kritisieren, dass diese Prinzipien nicht in der Form umgesetzt werden, wie es zahlreiche andere verpflichtende Grundlagen fordern:

Ø      Das Modell der Super Nanny sowohl gegenüber den Kindern als aber auch gegenüber den Eltern ist ein autoritäres Modell. Als durchgreifendes Prinzip gilt für den Deutschen Kinderschutzbund: Begegne den Familien in unseren Angeboten so, wie Du möchtest, dass sie mit ihren Kindern umgehen. In unserem Verständnis müssen Fachleute, Elternkursleitungen etc. für Eltern Modellfunktion haben. Daraus ist zu schlussfolgern, dass der von der Super Nanny propagierte, vermittelte und praktizierte Erziehungsstil ein autoritärer ist. Dies wird bedauerlicherweise nicht beim Namen genannt, würde aber im Hinblick auf die Zuschauer für mehr Klarheit sorgen. Hinweise auf diesen autoritären Erziehungsstil gibt es reichlich. Man achte nur auf die Wortwahl der Super Nanny sowie des Sprechers/Kommentators. Es geht vorrangig um Gehorsamkeitserziehung und Disziplinierung! Erziehung wird auf Kampf und Recht des Stärkeren reduziert!

Ø      Als Methoden, den Schwierigkeiten von Max zu begegnen, gibt es neben den Regeln eine einseitige Konsequenz: das stille Zimmer. Erziehung kommt nicht  mit Rezepten aus! Wie die Situation auf dem Spielplatz belegt: Keine Möglichkeit eines stillen Zimmers und das Chaos beginnt aufgrund der Art der Intervention durch die Super Nanny von vorn!

Ø      Die weiteren zur Anwendung kommenden Methoden Max zu disziplinieren umfassen Maßnahmen, die nach der Novellierung des § 1631 Abs. 2 BGB nicht im engeren Sinne als „gewaltfrei“ und „nicht-entwürdigend“ bezeichnet werden können. (Kinder haben das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.) Die Tür wird zwar – betonter Weise - nicht abgeschlossen, aber von 2 Erwachsenen gleichzeitig zugehalten. Wo ist da ein Unterschied? Die Super Nanny übt mit der Mutter geradezu das Anschreien des Kindes! Das Kind wird immer wieder festgehalten an Schultern, Gesicht und Händen und ständig in sein Stilles Zimmer getragen! Wie sind diese Maßnahmen mit den Grundsätzen der Gewaltfreiheit und körperlichen Integrität von Kindern zu vereinbaren? Sie sind nur dann in Ordnung, wenn anderweitig Gefahr für das leibliche Wohl des Kindes oder seiner Mitmenschen besteht.

Ø      Das pädagogische oder „therapeutische“ Konzept der Super Nanny ist eine Vermischung verschiedener pädagogischer und therapeutischer Ansätze, die teilweise unfachlich angewendet werden.

 

 

Fehlende Beteiligung

Ø      Die Super Nanny stülpt der Familie zu Beginn ihres zeitlich befristeten Einzugs ihr Regelwerk über. So wichtig Regeln im familiären Alltag sind, so sehr ist hier die Umsetzung abzulehnen: Regeln müssen Familien selber entwickeln und zwar unter Beteiligung aller Familienangehörigen. „Verabredungen, die alle mitentscheiden, werden eher eingehalten!“ (Ein Motto des Elternkurses Starke Eltern - Starke Kinder®) Die Familie muss die Chance haben, ihre individuellen und persönlichen Regeln zu formulieren und nicht die einer ansonsten außenstehenden Person zu übernehmen.

Ø      Neben dem Vokabular, dass unter dem Aspekt von Macht eine besondere Betrachtung verdient, ist die Sprache der Nanny gegenüber dem gerade 6jährigen Kind unangemessen. Welches Kind in diesem Alter versteht das Wort Konsequenz? Und der Junge muss sich anhören, dass er sich unfair verhält, weil er Vereinbarungen nicht einhält, an deren Zustandekommen er überhaupt nicht beteiligt war.

Ø      Die fehlende Beteiligung zeigt sich auch hinsichtlich der Konsequenzen, die bei Regelüberschreitung erfolgen sollen. Das stille Zimmer wird von der Super Nanny vorgegeben. Es ist jedoch wesentlich sinnvoller, mit den Kindern gemeinsam zu überlegen, welche Konsequenzen bei Regelüberschreitungen zu erfolgen haben. Kinder sind in dieser Hinsicht außerordentlich erfindungsreich, abgesehen davon, dass Beteiligung an diesen Fragen die Akzeptanz solcher Absprachen erhöht.

Ø      Die fehlende Beteiligung gerade der Kinder zeigt sich auch in der letzten Sequenz der Ausstrahlung: Die 10jährige Schwester wird überrascht, weil durch Initiative der Super Nanny ihr ein Zimmer durch die übrigen Familienmitglieder eingerichtet wurde. Aber gerade hier hätte sich die Riesenchance ergeben, mit dem Mädchen gemeinsam zu überlegen, wie sie sich ihr Zimmer vorstellt, welche Farben sie mag, welche Art der Dekoration. So schön und harmonisch diese Szene auch dargestellt wurde, warum wird ein 10jähriges Mädchen nicht dazu gefragt, wie sie sich ihr Zimmer vorstellt, es gestrichen und eingerichtet haben möchte?

Ø      So werden die Eltern auch nicht angeregt, ihr eigenes Verhalten in Beziehung zu dem ihrer Kinder zu setzen und zu reflektieren und nach Gründen zu suchen, obwohl das Verhalten von Max abhängig davon scheint, ob der Vater anwesend ist oder nicht. Die Super Nanny weiß, was alle brauchen, ohne die individuellen Gegebenheiten zu berücksichtigen.

 

Defizitorientierung

Ø      Mittlerweile hat sich in der Pädagogik und psychosozialen Beratung durchgesetzt, ressourcenorientiert zu arbeiten. Der Deutsche Kinderschutzbund hält es für wichtig, zunächst mit den Betroffenen zu ermitteln, welche Fähigkeiten und Kompetenzen sie haben und welche Unterstützungspotenziale im Umfeld vorhanden und zu aktivieren sind. Das bedeutet auch, immer an den vorhandenen Potenzialen anzusetzen, positive Ansätze herauszuarbeiten und auf diesen aufbauend gemeinsam mit den Betroffenen zu überlegen, wie diese Ressourcen weiterentwickelt, gefestigt und gestärkt werden können. Im Gegensatz zu dieser in der Fachwelt mittlerweile vorherrschenden Methode ist die Super Nanny ausschließlich defizitorientiert. Zum Thema wird ausschließlich alles das gemacht, was nicht funktioniert, nicht in Ordnung ist, fehlt ......etc. Dies zeigt sich gerade hinsichtlich der Eltern, denen beispielsweise „schonungslos“ gezeigt wird, was sie in Abwesenheit der Super Nanny alles „falsch“ gemacht haben oder denen eingangs von der Nanny bescheinigt wird, so etwas Schlimmes wie diese Familie noch nicht erlebt zu haben. 

Ø      Die Eltern bekommen keine Möglichkeiten, eigene Ideen für die Erziehung zu entwickeln, sondern ihnen wird alles von der Super Nanny übergestülpt. Dies zeigt sich sehr gut, als die Nanny aus dem Haus ist. Die Meßlatte wird von der Nanny angelegt, nicht die Mutter muss sich fragen, was sie sich zutraut.

Ø      Die Autorität der Mutter (nicht zu verwechseln mit autoritärem Erziehungsstil)  wird durch Anwesenheit der Nanny und deren Einmischung untergraben!

 

 

Nachhaltigkeit und Folgen

Und dann fragt man sich natürlich auch, wie nachhaltig war die Intervention der Nanny? Wie sieht es heute in der Familie aus? Und wie bewertet die Familie den Einsatz der Nanny heute? Erfolgreich? Ist es gelungen, das Objekt Kind zu „reparieren“?

 

Was lernen die Eltern?

Ø      Ist es als positive Entwicklung anzusehen, dass Max endlich weint? Vieles spricht dagegen. Vielmehr scheint sein Wille gebrochen.

Ø      Den Eltern vermittelt die Sendung, dass nicht mehr reden mit Kindern zur Konfliktlösung angesagt ist, sondern vielmehr hartes Durchgreifen, notfalls auch unter Einsatz von Körperkraft. Der Deutsche Kinderschutzbund hält diese Botschaft für nicht vereinbar mit den Kinderrechten, insbesondere mit dem Recht auf gewaltfreie Erziehung.

 

Was lernen die Kinder?

Ø      Das Konzept steht im Widerspruch zu aktuellen in Schulen angewendeten Streitschlichterprogrammen.

Ø      Wie wirkt sich das Bild des „Monster-Kindes“ auf Max Psyche aus?

Ø      Und wie erleben Kinder, die Opfer von Erziehungsgewalt sind, diese Serie?

Ø      Was hat Max aus dieser Intervention durch die Super-Nanny für sein späteres Leben gelernt? Vielleicht möglichst schnell groß zu werden, dann hat man die Macht von seinen Kindern zu verlangen, das zu tun, was man als Erwachsener von ihnen erwartet.

 

 

Fazit:

Die gesamte Ausstrahlung lässt jeglichen Respekt vor dem Kind und seiner Familie vermissen! Sowohl das Kind als auch die Familie wird würdelos dargestellt und im weiteren Verlauf immer weiter entwürdigt. Dies steht im krassen Widerspruch zum § 1631 Abs. 2 BGB.

Als Deutscher Kinderschutzbund fordern wir, dass die bundesdeutschen Medien ihren Beitrag dazu leisten, die Kinderrechte zu achten, einzuhalten und für ihre Bekanntmachung und Umsetzung einzutreten! Es ist nicht Aufgabe der Kinder, dies für sich selbst zu reklamieren! Die vorliegende Ausstrahlung macht mehr als deutlich, dass Medien hier wesentliche Grundlagen nicht berücksichtigen und die Kinder keinerlei Interessenvertretung ihrer Bedürfnisse erhalten! Sie werden nicht als Subjekt mit gesetzlich verankerten eigenen Rechten ernst genommen und mit Respekt und Würde behandelt, sondern zu Objekten von überwunden geglaubten Erziehungsmethoden degradiert und dem breiten Zuschauerpublikum eben auch zur Unterhaltung vorgeführt.

Der Sender RTL wäre gut beraten, nicht nur die Hinweise des Deutschen Kinderschutzbundes ernst zu nehmen, sondern – statt die Suche nach Familien in Elternforen im Internet zu bewerben -, die unterschiedlichen Reaktionen von Müttern und Vätern auf diese Serie ernst zu nehmen. Nach dieser Ausstrahlung fürchten sich einige Eltern nun vor den „Experten“. Es wird damit ein Bild von  Fachleuten erzeugt, dass mit der Realität nicht übereinstimmt und die Frage aufwirft, inwieweit damit mögliche Hilfeersuchen verhindert werden.

 

Erziehung ist ein komplexes Geschehen mit individueller Ausprägung in der einzelnen Familie. Simplifizierende Lösungen und Rezepte sind keine angemessene Antwort darauf. Vielmehr brauchen Kinder Liebe, Akzeptanz, Wertschätzung, Beteiligung, eine eigene Meinung, Verständnis, aktives Zuhören u.v.a.m. um sich zu verantwortungsbewussten Mitgliedern und Gestaltern der Gesellschaft von morgen zu entwickeln.

 

 

 

Wuppertal/Hannover, 7. Oktober 2004

 

 [1] Erarbeitet vom DKSB Landesverband NRW in Kooperation mit Ortsverbänden und in Absprache mit dem Bundesverband