Worddatei: Soziales Frühwarnsystem 1,3 MB
Ziel des vom Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes NRW geförderten Modellprojekts „Entwicklung eines sozialen Frühwarnsystems“ ist es, im Zusammenwirken von Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheits- und Bildungswesen, „Sensoren“ zu entwickeln und zu erproben, die geeignet sind, Risiken und Gefährdungslagen von Kindern und Familien frühzeitig zu erkennen und einer Zuspitzung und Verfestigung von Problemen entgegenzuwirken.
Projektbeteiligte sind die Kommunen Herne, Dortmund, Emmerich und Bielefeld, der Kreis Siegen-Wittgenstein und als freier Träger der Deutsche Kinderschutzbund (Landesverband NRW/Ortsverband Essen). Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt vom Institut für soziale Arbeit (ISA e.V.) in Münster.
Auf Wunsch des Ministeriums entfaltet der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) seine Projektaktivitäten in Essen. Im Interesse einer möglichst kleinräumigen Modellentwicklung konzentrieren sich die Aktivitäten schwerpunktmäßig auf den Stadtkern von Essen. Institutioneller Ausgangspunkt ist das im Stadtkern gelegene Kinderhaus „Blauer Elefant“ des DKSB-Ortsverbandes Essen. Inhaltlicher Schwerpunkt des Projektbeitrages des Deutschen Kinderschutzbundes ist die Problematik der Kindesvernachlässigung.
Mit einer dreitägigen Veranstaltung zum Thema: „Kindesvernachlässigung – Möglichkeiten des frühzeitigen Erkennens, Beurteilens und Handelns in Kindertageseinrichtungen“ konnte im Juni 2002 ein erstes Projektelement des Projekts „Soziales Frühwarnsystem“ realisiert werden. TeilnehmerInnen der Veranstaltung, die im Kulturzentrum „Haus Grend“ (Essen-Steele) stattfand, waren MitarbeiterInnen des Kinderhauses „Blauer Elefant“ und des Kinderzentrums „Webermarkt“ in Essen-Mitte.
Ziel der Veranstaltung war es, durch die gemeinsame Erarbeitung der Vernachlässigungsthematik – mit verschiedenen, Theorie und Praxis vermittelnden Methoden – die Wahrnehmungs- und Handlungskompetenzen der pädagogischen Fachkräfte weiterzuentwickeln und Wege zum Aufbau kontinuierlicher Formen des Austauschs und der Reflexion zu eröffnen.
Thematisch war die Veranstaltung vor allem an folgenden Leitfragen ausgerichtet:
· Wie kann mit ersten, unter Umständen diffusen Hinweisen einer entstehenden bzw. sich verfestigenden Vernachlässigungssituation umgegangen werden?
· Wie können betroffene Kinder und Eltern angesprochen/erreicht und beteiligt werden?
· Wie, wann und in welcher Form sind mögliche Kooperationspartner in die eigene Problemwahrnehmung und –bearbeitung einzubeziehen?
· Wie können – fallübergreifend – Strukturen geschaffen/ausgebaut werden, die geeignet sind, Rahmenbedingungen für eine „gelingende Kindheit“ zu gewährleisten?
In Kleingruppenarbeit und Rollenspielen gelang es, erste Antworten auf diese Fragen zu erarbeiten und weitergehende Fragestellungen und Arbeitsaufträge zu entwickeln. Deutlich wurde unter anderem, dass nur eine gleichzeitige und gleichgewichtige Betrachtung von Risiko- und Schutzfaktoren, sowohl auf der Einzelfallebene als auch und vor allem über die Einzelfallebene hinausgehend, eine differenzierte Einschätzung der Vernachlässigungsproblematik gewährleistet. Thematisiert wurde damit zugleich die Notwendigkeit zur Weiterentwicklung einrichtungsübergreifender Verfahren und Standards zum qualifizierten Wahrnehmen, interpersonellen und interdisziplinären Deuten, zielgerichteten „Warnen“ (Aufklären, Informieren, Aktivieren) und zum verbindlichen „Rückmelden“ und abgestimmten Handeln im sozialräumlichen Kontext.
Als allgemeines Fazit äußerten schließlich viele TeilnehmerInnen den Wunsch, die im Rahmen der Veranstaltung begonnene Arbeit fortzusetzen und sich aktiv am weiteren Auf- und Ausbau des „Sozialen Frühwarnsystems“ zu beteiligen. Im Rahmen eines Arbeitskreises – zusammengesetzt aus leitenden Fachkräften des Kinderhauses Blauer Elefant und des Kinderzentrums Webermarkt in Essen-Mitte und den ProjektmitarbeiterInnen des DKSB Landesverbandes NRW e. V. – werden die Entwicklungsschritte und Aktivitäten im Hinblick auf die interne Qualitätsentwicklung im Kinderhaus und die darüber hinausgehenden Schritte zum Ausbau der interdisziplinären, sozialräumlichen und kommunalen Strukturen eines Sozialen Frühwarnsystems koordiniert, vermittelt und evaluiert.
Im Rückbezug auf die gewonnenen Ergebnisse und Erkenntnisse wurden und werden in der aktuellen Phase des Projektes – stadtteilbezogen – die Problemeinschätzungen, Handlungsansätze und Handlungsbedarfe aus Sicht verschiedener ExpertInnen der Kinder- und Jugendhilfe und des Gesundheits- und Bildungswesens ermittelt. Dazu werden ExpertInnen zum Thema Vernachlässigung bzw. „Schlüsselpersonen“ im und für den Stadtteil Essen-Mitte (Stadtkern; Stadtbezirk I) interviewt. Hierbei geht es neben der fachlichen Einschätzung der Vernachlässigungsproblematik, der auf sie bezogenen regionalen Angebote und Kooperationsstrukturen, vor allem auch um die Einschätzung der Möglichkeiten und Bedingungen für eine frühzeitige Beteiligung von Kindern, Eltern und Familien im Sinne einer Stärkung ihrer Handlungsmöglichkeiten und Kompetenzen.
Begleitet wird die Arbeit der ProjektmitarbeiterInnen von einer Lenkungsgruppe. Diese bietet einen Ort zur kontinuierlichen Positionsbestimmung (z.B. wo steht der Landesverband mit seinen Aktivitäten zur Entwicklung eines Frühwarnsystems), zum fachlichen Ideenaustausch und zur Findung neuer Positionen und Richtungen.
Unterstützt wird die Durchführung des Projekts „vor Ort“ durch die Vorstellung des Projekts im Jugendhilfeausschuss, die Verknüpfung mit laufenden Projekten/Planungen der öffentlichen und freien Kinder- und Jugendhilfe und die Einbeziehung in die Arbeitsgruppe „Kinder und Gesundheit“ der Gesundheitskonferenz in Essen.
Als ein Zwischenergebnis lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt festhalten, dass die Stärkung, Beförderung und die aktive Einbeziehung von (Handlungs)Potenzialen von Kindern und Familien eine Herausforderung nicht nur für die pädagogische und (kommunal)politische Praxis, sondern für das professionelle Selbstverständnis insgesamt darstellt. Wenn ein soziales Frühwarnsystem die Aufgabe hat „Türen zu öffnen“, als „Türöffner“ den frühzeitigen Zugang zu Hilfen, Unterstützung und Förderangeboten garantieren soll, ist die „Ko-Produktion“ zwischen Eltern, Kindern, Familien und Fachkräften von zentraler Bedeutung. Das bedeutet, Frühwarnsysteme basieren auf der konstruktiven Zusammenarbeit der Fachkräfte / Institutionen auf der einen und der AdressatInnen auf der anderen Seite, denn die Wahrnehmung und Beurteilung von (problematischen) Situationen und Verhaltensweisen sowie das Ausloten von Handlungsoptionen erfordert nicht nur „objektive“ Kriterien, sondern muss immer auch situativen und subjektiven Faktoren Rechnung tragen.
Notwendig sind daher gesellschaftliche, sozialräumliche und institutionelle Strukturen, die auf der Basis von Verlässlichkeit, Transparenz etc. frühzeitige Arbeitsbündnisse zwischen den Beteiligten ermöglichen. Funktionsweise und Erfolg „sozialer Frühwarnsysteme“ müssen daran gemessen werden, ob es gelingt, diese Strukturen auf allen Ebenen zu implementieren und zu sichern.
Im Januar 2003 ist ein erster Zwischenbericht zum Gesamtprojekt „Soziales Frühwarnsystem“ (herausgegeben vom MFJFG und vom Institut für soziale Arbeit (ISA e. V.) erschienen, den man sich auch aus dem Internet herunterladen kann (http://www.soziales-fruehwarnsystem.de/). Am 24. März 2003 wurde das Projekt im Rahmen der Fachtagung „Soziale Frühwarnsysteme in NRW – Wertvolle Beispiele aus der Praxis“ in Gelsenkirchen präsentiert. Zu der Fachtagung wird voraussichtlich im Juni 2003 eine Dokumentation erscheinen. Hier an dieser Stelle zeigen wir Ihnen zunächst die Präsentationsfolien des DKSB LV NRW e. V. der Fachtagung.( Präsentation Frühwarnsystem 1,2 MB), sowie einen Reflexionsbogen zur Vernachlässigungsthematik für Kindertageseinrichtungen.
Über die Landesgeschäftsstelle ist gegen eine Gebühr von 15,-- Euro das Handbuch "Erste-Schritte-Manual" zu beziehen. Es ist ein Baustein für Kindertageseinrichtungen und Kinderhäuser auf dem Weg zu einem sozialen Frühwarnsystem.