Vorschulkinder lernen, nein zu sagen – Kinderschutzbund Essen setzt sich präventiv gegen sexualisierte Gewalt ein

Nein-TonneVon Vera Demuth, DKSB Ortsverband Essen

Es gibt positive und negative Gefühle, gute und schlechte Geheimnisse. Den Unterschied müssen Kinder erst lernen. Um Vorschulkinder für ihre individuellen Gefühle und Ängste und für mögliche körperliche Grenzverletzungen zu sensibilisieren, hat der Kinderschutzbund Essen im Herbst erstmals in Kooperation mit der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück das Präventionsprojekt „Die große Nein-Tonne“ durchgeführt.

„Nein“ ist dabei das wesentliche Wort. Während der Theateraufführung lernen die Mädchen und Jungen, ihre Gefühle zu verstehen und danach zu handeln. Sie erleben, dass manche Dinge, wie Zähneputzen, zwar nicht angenehm, aber sinnvoll sind – deswegen gehören sie nicht in die „Nein-Tonne“. Andere Dinge dagegen sind ein klarer Fall für die „Nein-Tonne“, weil sie die Grenzen des Kindes überschreiten. Hier stärkt das Theaterstück die Vorschulkinder darin, laut und deutlich nein zu sagen, und greift auch das Thema „sexualisierte Gewalt“ auf.

Denn sexualisierte Gewalt, nicht nur gegenüber Kindern, sei die Realität, erklärt Kim Weber von der Spezialisierten Beratung bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche des Essener Ortsverbands. „Sexualisierte Gewalt gibt es von null Jahren bis zum Lebensende, aber bei kleinen Kindern fällt sie weniger auf.“ Grund sei, dass Kindern nicht immer geglaubt werde und sie leichter zu manipulieren seien. Umso wichtiger ist es den Kinderschützern, die Kinder dazu zu befähigen, nein zu sagen und Hilfe zu suchen.

Rund 300 Vorschulkinder aus den Kinder- und Familienzentren des Kinderschutzbundes sowie aus befreundeten Kitas in den Stadtteilen besuchten im Herbst die insgesamt neun Aufführungen des Stücks „Die große Nein-Tonne“. Im Vorfeld veranstaltete das Kinderschutz-Zentrum drei Elternabende – zwei in Präsenz, einen online –, um die Eltern über das Konzept der „Nein-Tonne“ zu informieren. „Unser Ziel ist es, nichts mit den Kindern zu machen, von dem die Eltern nichts wissen“, erläutert Heike Pöppinghaus, Fachbereichsleitung Kinderschutz. Nicht alle Eltern nahmen jedoch die persönliche Einladung wahr. „Wir hätten uns mehr Teilnehmer gewünscht“, so Pöppinghaus.

Zusätzlich wurden die Fachkräfte der Einrichtungen auf die Veranstaltung und ihre inhaltlichen Schwerpunkte vorbereitet. Bei ihnen kam das Theaterprogramm sehr gut an. „Alle fanden es toll und wollten wissen, ob es die Aufführung 2023 wieder geben wird“, berichtet Kim Weber. Das Kinderschutz-Zentrum plant bereits, erneut Fördergelder des Landes für das kommende Jahr zu beantragen.

Die diesjährigen Aufführungen des Stücks „Die große Nein-Tonne“ in Essen wurden zu 100 Prozent vom Land NRW gefördert. Das Kinderschutz-Zentrum hatte sich als eine von vielen Möglichkeiten der Prävention gegen sexualisierte Gewalt für das Theaterprogramm der theaterpädagogischen Werkstatt entschieden, weil der Kinderschutzbund Essen langjährige gute Erfahrungen mit ihr hat. Bereits seit mehr als 25 Jahren führen die Schauspieler das Stück „Mein Körper gehört mir“ in den Essener Grundschulen auf.

Das Programm „Die große Nein-Tonne“ ist nur eines der Angebote des Essener Ortsverbands zum Thema Prävention vor sexualisierter Gewalt. Vor einem Jahr nahm die Fachberatungsstelle „Spezialisierte Beratung bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ ihre Arbeit auf. In Kooperation mit dem Jugendpsychologischen Institut der Stadt Essen wurden drei Vollzeitstellen eingerichtet – jeweils anderthalb pro Kooperationspartner.

Im ersten Jahr verzeichnete die Beratungsstelle des Kinderschutzbundes knapp 100 Anfragen. „Es hat sich herumgesprochen, dass es uns gibt“, sagt Kim Weber, die zusammen mit einer Kollegin Ansprechpartnerin in der Beratungsstelle ist. Neben Betroffenen können sich deren Bezugspersonen sowie Menschen, die in ihrem Beruf mit sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen konfrontiert werden, an die Fachberatungsstelle wenden.