Die aktuelle Auswertung kriminalstatistischer Daten zeigt deutlich: Gewaltkriminalität in Deutschland – insbesondere Gewalt gegen Frauen und Kinder – ist kein migrationsgetriebenes Phänomen. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes gesellschaftliches Problem, das maßgeblich durch soziale, demografische und situative Faktoren beeinflusst wird. Darauf macht der Kinderschutzbund NRW aufmerksam.
Zwar weisen Polizeistatistiken darauf hin, dass nichtdeutsche Tatverdächtige bei bestimmten Deliktgruppen teilweise überrepräsentiert sind. Diese Zahlen dürfen nach Auffassung des Kinderschutzbundes NRW jedoch nicht isoliert betrachtet werden. Entscheidend ist die Einordnung: Faktoren wie Alter, Geschlecht und soziale Lebensbedingungen spielen eine wesentlich größere Rolle als die Staatsangehörigkeit.
Insbesondere bei Gewalt gegen Frauen und Kindern als Opfer häuslicher Gewalt zeigt sich ein klares Muster: Der überwiegende Teil dieser Taten findet im sozialen Nahraum statt. In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich um Partnerschafts-, Familien- oder Beziehungstaten. Täter sind dabei fast ausschließlich Männer – unabhängig von ihrer Herkunft. Kinder sind dabei nicht nur Mitbetroffene, sondern häufig selbst direkte Opfer von Gewalt innerhalb familiärer Strukturen. Auch regionale Analysen, etwa für Nordrhein-Westfalen, bestätigen dieses Bild. Bei schweren Gewaltdelikten gegen Frauen und Kinder stellen deutsche Tatverdächtige die Mehrheit. Gleichzeitig wird deutlich, dass solche Taten vor allem aus Konflikten im persönlichen Umfeld entstehen – etwa bei Trennungen, Eifersucht oder Kontrollverhalten.
Besorgniserregend ist aus Sicht des Kinderschutzbundes NRW insbesondere der Anstieg digitaler Gewalt. Bedrohungen, Beleidigungen und Hassrede in sozialen Netzwerken, digitale Anbahnungen sexualisierter Kontakte (Cybergrooming), Nachstellungen (Cyberstalking), das unerlaubte Verbreiten intimer Bilder („Revenge Porn“) oder künstlich generierte Medieninhalte (deep fakes) sowie Kontrolle und Überwachung durch Partner mit Hilfe digitale Geräte explodieren geradezu. Allerdings fehlen auch hier belastbare Hinweise auf ein migrationsspezifisches Muster, digitale Gewalt ist vielmehr in allen Bevölkerungsgruppen verbreitet.
Digitale Gewalt tritt häufig nicht isoliert, sondern als Erweiterung bestehender Gewaltverhältnisse auf – insbesondere im Kontext von Trennungen oder fortgesetzter Kontrolle in (ehemaligen) Beziehungen. Auch hier zeigt sich: Täter stammen überwiegend aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen. Gleichzeitig senken digitale Räume Hemmschwellen, ermöglichen anhaltende Belästigung und erschweren für Betroffene das Sich-Entziehen aus der Gewaltsituation. „Die Datenlage zeigt klar: Wer Gewaltkriminalität ausschließlich mit Migration erklärt, greift zu kurz und verkennt die tatsächlichen Ursachen“, sagt Prof. Dr. Gaby Flößer, Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes NRW. „Wir müssen den Fokus stärker auf Prävention, soziale Stabilität und den Schutz von Betroffenen richten.“ Gewalt gegen Frauen und Kinder sei ein gesamtgesellschaftliches Problem. Eine wirksame Bekämpfung erfordert nach Flößers Auffassung faktenbasierte Analysen statt vereinfachender Zuschreibungen.
Vor diesem Hintergrund fordert der Kinderschutzbund NRW
- einen weiteren Ausbau von Präventions- und Beratungsangeboten,
- stärkere Unterstützung für alle Opfer häuslicher Gewalt,
- konsequenten Ausbau von Kinderschutzstrukturen,
- bessere Aufklärung und Schutzmechanismen im digitalen Raum,
- gezielte Programme für Risikogruppen, insbesondere junge Männer
- sowie eine sachliche und differenzierte öffentliche Debatte.