Überlastete Kinder- und Jugendhilfe – Der Kinderschutzbund NRW lud erstmals zu Wuppertaler Gesprächen

Vergangenen Freitag fanden die 1. Wuppertaler Gespräche des Kinderschutzbundes in NRW statt zu der Frage „Überlastete Kinder- und Jugendhilfe. Schutz, Förderung und Beteiligung am Limit?“

Mit diesem neuen Format bringt der Kinderschutzbund zentrale Akteure der Kinder- und Jugendhilfe zusammen, um Perspektiven auszutauschen, aktuelle Herausforderungen zu benennen und gemeinsam Prioritäten zu setzen. Ziel ist es, auf dieser Grundlage konsensuale und realisierbare Maßnahmen zu entwickeln, die Kinder und Jugendliche in ihren konkreten Lebensbedingungen wieder in den Mittelpunkt stellen und zum Ausgangspunkt politischen und pädagogischen Handelns machen – gerade in einer Zeit, in der öffentliche wie freie Träger vor großen Herausforderungen stehen.

Der Kinderschutzbund lud Expertinnen und Experten aus der Praxis von freien Trägern, aus Landesjugendämtern und Jugendämtern, aus kommunalen Spitzenverbänden und den Wohlfahrtsverbänden zu einem offenen Dialog, unterschiedlichen Perspektiven und dem gemeinsamen Blick auf Lösungen ein, denn genau hierin lag schon immer eine besondere Stärke der Kinder- und Jugendhilfe. Diese Ressource erneut zu heben, zu nutzen oder wiederzubeleben, ist in der Veranstaltung eindrücklich gelungen, obwohl die Ausgangsdiagnostik eher düster stimmte:

Wir sehen eine dramatische Steigerung struktureller Finanzdefizite der Kommunen. Städte und Landkreise, die Jahr für Jahr versuchen, Pflichtaufgaben zu erfüllen, während die finanziellen Spielräume immer enger werden. Gerade die Kinder- und Jugendhilfe gehört zu den Bereichen, in denen Ausgaben steigen – nicht, weil Kommunen ihr Geld verschwenden, sondern weil ihnen nach wie vor zusätzliche Aufgaben ohne entsprechende Finanzausstattung übertragen werden und die Fallzahlen steigen, Kinderschutzfälle oftmals komplexer sind und der Hilfebedarf wächst. Wir sehen überlastete Jugendämter. Fachkräfte, die mit großem Engagement arbeiten, aber immer häufiger an ihre Grenzen stoßen. Fallzahlen steigen, Dokumentationspflichten wachsen, rechtliche Anforderungen werden komplexer. Gleichzeitig bleibt immer weniger Zeit für das, worum es eigentlich geht: das Kindeswohl und gute Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen. Und wir sehen freie Träger, die das Rückgrat der sozialen Infrastruktur bilden – aber zunehmend überfordert sind. Sie kämpfen mit Fachkräftemangel, unsicheren Finanzierungen und steigenden Anforderungen. Dabei sind sie es, die vor Ort Angebote gestalten, Innovation ermöglichen und Vertrauen in den Sozialraum tragen sollen.

Diese Situation ist kein lokales Einzelschicksal, sie ist ein strukturelles Problem. Wenn aber Kommunen Jahr für Jahr neue Defizite aufbauen, wenn Fachkräfte dauerhaft überlastet arbeiten müssen und wenn freie Träger ständig um ihre Existenz kämpfen, dann gerät ein ganzes System unter Druck. Die Folge ist eine gefährliche Dynamik: Statt frühzeitig zu handeln, reagieren wir immer häufiger erst dann, wenn Krisen bereits eskaliert sind. Hilfen werden teurer, intensiver und belastender für alle Beteiligten.

Doch genau hier beginnt die Frage nach einer Vision, denn klar ist, die jahrzehntelang vorgetragenen Forderungen, das System bräuchte mehr Geld und mehr Personal alleine reicht nicht mehr. Der Handlungsdruck ist enorm, denn Kinder und Jugendliche leben nicht erst in der Zukunft, ihre Herausforderungen sind real im Hier und Jetzt.

Unsere Vision beginnt deshalb mit einem einfachen Grundsatz: Die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sind als „kritische Infrastruktur“ zu bewerten. Daher darf die Kinder- und Jugendhilfe kein kommunales Restbudget sein. Sie muss eine gesamtstaatliche Investition sein. Der eingetretene Aufgabenzuwachs erfordert eine gemeinsame Finanzierung durch Kommunen, Land und Bund.

Das bedeutet erstens: Wir brauchen eine strukturell gesicherte Finanzierung der Kommunen. Wenn Bund und Länder gesellschaftliche Aufgaben definieren – etwa im Kinderschutz, in der Inklusion oder in der Prävention –, dann müssen sie auch angemessen in die Verantwortung für deren Finanzierung eintreten. Kommunen dürfen nicht länger alleine die Hauptlast tragen.
Zweitens: Wir müssen die Arbeitsbedingungen in den Jugendämtern nachhaltig verbessern. Fachkräfte brauchen realistische Fallzahlen, gute Supervision, Zeit für Kooperation im Sozialraum und digitale Strukturen, die unterstützen statt belasten. Gute Jugendhilfe entsteht nicht durch Verwaltung von Fällen, sondern durch Beziehung, Vertrauen und professionelle Handlungsspielräume.
Drittens: Wir brauchen eine neue Partnerschaft unter den Trägern. Freie Träger dürfen nicht als austauschbare Dienstleister betrachtet werden. Sie sind Mitgestalter sozialer Infrastruktur. Das bedeutet langfristige Finanzierungsmodelle, Planungssicherheit und echte Beteiligung an fachlichen Entwicklungen.

Unsere Vision für die Kinder- und Jugendhilfe ist eine Vision von starken Quartieren, vernetzten Bildungsangeboten, niedrigschwelligen Familienangeboten und offenen Treffpunkten für junge Menschen. Dort, wo Unterstützung frühzeitig ankommt, entstehen weniger Krisen – und damit auch weniger teure und belastende Eingriffe.

Die Frage ist also nicht, ob wir uns das leisten können. Die eigentliche Frage lautet: Können wir es uns leisten, darauf zu verzichten?
Unsere Vision ist eine Kinder- und Jugendhilfe, die nicht permanent im Krisenmodus arbeitet.

Eine Jugendhilfe, die Zeit hat zuzuhören. Eine Jugendhilfe, die Vertrauen aufbaut. Eine Jugendhilfe, die Familien stärkt, bevor Probleme eskalieren. Dafür brauchen wir Mut zu politischen Entscheidungen. Mut zu Investitionen. Und Mut, die Perspektive zu wechseln. Denn Kinder und Jugendliche sind nicht nur eine Zielgruppe sozialer Politik. Sie sind die Gegenwart und die Zukunft unserer Gesellschaft. Wenn wir heute in funktionierende Kommunen, gut ausgestattete Jugendämter und starke freie Träger investieren, dann investieren wir nicht nur in soziale Stabilität – sondern in die demokratische und wirtschaftliche Zukunft unseres Landes.
Deshalb wurde mit der Veranstaltung ein gemeinsamer Startpunkt gesetzt, dafür, dass die Begriffe „überschuldete Kommunen“, „überlastete Jugendämter“ und „überforderte Träger“ nicht dauerhaft die Realität beschreiben, sondern den Ausgangspunkt bilden – für eine neue, mutige Vision der Kinder- und Jugendhilfe in Nordrhein-Westfalen.

An den 1. Wuppertaler Gesprächen beteiligten sich unter anderem:

• Birgit Westers, Leiterin des Landesjugendamtes Westfalen-Lippe und Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter
• Thilo Waasem, Beigeordneter beim Städte- und Gemeindebund NRW
• Anke Berkemeyer, Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst, Jugendamt der Stadt Bielefeld
• Stefan Wutzke, Overdyck – Ev. Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, Bochum
• Dr. Andre Jethon, Beigeordneter und Kämmerer der Stadt Lünen
• Christian Woltering, Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW
• Prof. Dr. Gaby Flößer, Vorsitzende des Kinderschutzbundes NRW
• Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft und des Lippeverbandes

Vielen Dank an sie für ihr Engagement und an die über 50 Beteiligten für den konstruktiven Austausch und das Engagement für Kinder, Jugendliche und Familien.

Das Foto zeigt: Stefan Wutzke, Dr. Andre Jethon, Dr. Jörg Hopfe, Prof. Dr. Gaby Flößer, Birgit Westers, Anke Berkemeyer, Christian Woltering, Thilo Waasem, Manfred Walhorn

Der Kinderschutzbund wird die Impulse aus dem 1. Wuppertaler Gespräch aufgreifen und in fortgesetzter Kooperation mit den Akteuren konkrete und umsetzbare Vorschläge und Forderungen entwickeln.

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